Mit Der seidene Faden verbinden sich gleich zwei filmische Happenings in einem Werk. Zum einen zählt Regisseur Paul Thomas Anderson zu den Filmemachern, bei denen sich das Publikum (mehr Arthouse als Mainstream) auf “den neuen Film von…” freut, wie beim “neuen Spielberg” oder “neuen Tarantino”.

Zum anderen wäre da noch sein Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis, der durch sein Method Acting jedes Mal abgrundtief in seine Rollen eintaucht und sich nur begrenzt wenige Filmprojekte aussucht, in denen er überhaupt mitwirken möchte. So sind bereits fünf Jahre seit seiner Rolle in Spielbergs Lincoln verstrichen. Jetzt ist er in – laut eigener Aussage – dem letzten Film seiner Karriere zu sehen. Immerhin ist es ein Abgang mit Stil.

Day-Lewis spielt den Mode-Designer Reynolds Woodcock, der im London der 1950er Jahre Kleider für die High Society entwirft. Er mag Charisma haben und voller Kreativität stecken, hat aber auch eine zwanghafte und kontrollierende Persönlichkeit. Seine Schwester Cyril (Lesley Manville) nimmt immensen Einfluss auf sein Handeln, während sie in seinem luxuriösen Modehaus das Alltagsgeschäft regelt.  

Bei einem Ausflug aufs Land lernt Reynolds in einem Restaurant die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) kennen. Er ist sofort von ihr fasziniert und lädt sie auf ein Date ein. Alma wird zu seiner Inspiration, zu seiner Assistentin und schon bald finden sie sich in einer Liebesbeziehung wieder. Sie genießt es, ein Teil seines kreativen Prozesses zu sein und ihn bei seiner Arbeit zu begleiten. Aber Reynolds erweist sich als äußerst schwieriger Umgang, weshalb die beiden unentwegt aneinander geraten.

Der seidene Faden
Reynolds’ Schwester Cyril überwacht das Modehaus ihres Designer-Bruders.

So sehr uns Day-Lewis nun hier also wieder eine seiner hervorragend-perfektionistischen Performances gibt, ist es die aus Luxemburg stammende Vicky Krieps die in Erinnerung bleibt. Sie spielt sich durch eine vielschichtige Figur, die sich von eingeschüchtert, passiv und verunsichert zu einer ebenbürtigen Gegnerin für den exzentrischen Modemacher erhebt. Dabei ist es vor allem ein Spaß, ihre Mimik zu beobachten, die immer so viel mehr aussagt, als alle gesprochenen Worte uns an Kontext liefern können.

Von dem Mit- und Gegeneinander von Reynolds und Alma lebt Der seidene Faden. In Krieps hat Day-Lewis eine wundervolle Partnerin gefunden. Mit ihr kann er sich streiten, sie kann er demütigen und beschimpfen, ohne das wir Mitleid empfinden müssten. Wir wissen immer, dass ihr der nächste Angriff gebühren wird. Die beiden führen schon bald ein sadistisches Spiel, über dessen Ausgang wir uns verblüfft zeigen können.

Paul Thomas Anderson liefert wohl so etwas wie eine schwarze Arthouse-Komödie ab. Der Witz entsteht bei ihm durch exzentrische Überspitzung, von seinen Darstellern ohne jede Spur von Humor dargeboten. Gerade dadurch können wir immer wieder über diese surreal-bösen Momente lachen, in die uns Der seidene Faden verstrickt.

Ihm gelingt es aber auch, sich des schwarzen Humors zu entsagen und die musikalischen Kompositionen von Jonny Greenwood (von Radiohead) dazu einzusetzen, Der seidene Faden zu einem ungemütlich-anspannenden Horrorfilm zu machen. Dann wandern wir durch enge Flure, werden mit Nah- und Großaufnahmen an die Figuren gefesselt, die mit unheilvollen Gesichtsausdrücken ihrem Schicksal ausgeliefert scheinen. Hierbei wirkt mal Daniel Day-Lewis wie das Monster im Haus, dann wieder Vicky Krieps wie der ihn plagende Geist.

Der seidene Faden
Der Anfang einer schwierigen Beziehung: Reynolds lernt Alma kennen.

Ein Geist mit schönen Kleidern. Und wenn Alma diese mal nicht selbst tragen darf, so zeigt uns Paul Thomas Anderson all die High Society-Kunden, die sich nur zu gerne in den exklusiven Entwürfen des Meister-Modemachers kleiden. Hier wird der Film opulent und schön, zeigt aber auch all die Einbildung und Liebe, die Day-Lewis seiner Figur mitgibt. Reynolds ist es nicht egal, was mit seinen Kleidern geschieht, nachdem er sie aus seinen Händen an die Kunden weitergereicht hat. Selbst dann möchte er noch sicher sein, dass diese sich entsprechend vornehm verhalten und seine Kreationen nicht mit menschlichen Versagen strafen.

Der seidene Faden ist ein Screwball-Horrorfilm, der von Paul Thomas Anderson auf allen Ebenen durchkomponiert wurde. Es ist ein Film voller Konfrontationen in traumgleiche Momente getaucht, die sich als kleine Albträume in einem unkonventionellen Krieg der Geschlechter herausstellen werden.