Filmkritik

“Ralph Reichts” von Rich Moore

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© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH / Randale Ralph (Christian Ulmen) im Kreise seiner Mit-Schurken

Da sitzen sie alle in einer Runde, bei einer weiteren ihrer Sessions, als ob sie bei den Anonymen Alkoholikern wären: die Bösewichter der Videospiele-Geschichte. Hier, in diesem vertrauten Kreise ist der hünenhafte Wrestling-Russe Zangief aus „Street Fighter“ ein hoch philosophisch diskutierender Mann, der von den Vorteilen des Böse-seins berichtet. Ihm lauschen berühmte Persönlichkeiten wie Bowser, der Schildkröten-Drachen König aus den Welten des Super-Klempners Mario, der gewitzte Doctor Eggman, der dem blauen Igel Sonic das Leben so manches Mal schwer machte oder Clyde, einer dieser Uralten Geister aus den Pac Man-Spielen, die unaufhörlich hinter dem gelben Vielfraß herjagen. Hier sitzt aber auch Randale Ralph, der böse Widersacher von Fix-It Felix, diesem Bengel, der dem notorischen Wahn erlegen ist, alles wieder heile zu machen, was Ralph mit mühsamer Arbeit zerstört, ohne dass man es ihm dankt. In Disneys 52. abendfüllenden Animationsfilm “Ralph Reichts” gönnt man sich eine Auszeit von Prinz Charming, dem ewigen Helden – man begibt sich gemeinsam mit dem Bösewicht auf ein Abenteuer, welches kreuz und quer durch die Videospiele-Welt führt.

Dafür hat man sich einen Animations-erfahrenen Regisseur besorgt, noch grün hinter den Ohren, wenn es um Disney-Filme geht, aber mit einem ganz anderen Humor angereichert, als man es aus der Märchenwerkstatt gewohnt ist: Rich Moore sein Name, verantwortlich für diverse Episoden von Zeichentrickserien wie den „Simpsons“, „Futurama“ oder „Drawn Together“, immerhin auch schon mit einem bunten Mix aus etwas verdrehten Videospiel-Charakteren. Nun darf er sich um Randale Ralph kümmern, einer Abrissbirne von einem Mann, ein kräftiger Kerl, dessen Job es ist, Tag ein Tag aus, ein Hochhaus namens Niceland platt zu machen. Nur jedes Mal kommt Felix Jr. zur Rettung, repariert sämtlichen Schaden mit seinem Zauberhammer und sorgt dafür, dass Ralph am Ende des Tages vom Hochhaus hinab in eine dreckige Schlammpfütze geworfen wird. Hierfür ernten Felix Jr. Ruhm und Ehre, erhält von den Bewohnern Nicelands tagtäglich eine goldene Medaille überreicht, während Grobian Ralph unbeachtet auf seinen Steinhaufen zurückkehren muss, welchen er unbequem sein Zuhause nennen darf. Diese Rolle hat Ralph nach dreißig Jahren aber endgültig satt. Er reist über die Game Central Station in andere Videospiele-Welten, in denen er zwar nichts verloren hat, aber die Möglichkeit geboten bekommt, selbst eine Helden-Medaille zu gewinnen. Hierdurch möchte er beweisen, dass mehr in ihm steckt als nur ein schlichter Bösewicht.

Sergeant Calhoun in “Hero’s Duty”

Dafür muss Ralph jedoch aus seiner „Comfort-Zone“ hinaus. Zuerst verschlägt es ihn in das Ego-Shooter Spiel „Hero’s Duty“, wo er nicht nur die Bekanntschaft der zähen Sergeant Calhoun macht, sondern auch von etlichen Cy-Bugs, offenbar die mechanisch anmutenden Kollegen der Bugs aus „Starship Troopers“, die sich in alles verwandeln, was sie auffressen. Aber hier liegt auch die Helden-Medaille verborgen, die Ralph in einem Anflug von Übermut aus dieser Welt entwendet und samt einem Cy-Bug davonfliegt, Chaos in der Game Central Station hinterlässt um in „Sugar Rush“ notzuladen. Hier ist alles knallbunt, Süßigkeiten wohin man sieht, Seen aus Schokolade, Lutscher stehen auf den Wiesen, Zuckerstangen sind die Äste von Bäumen, die ebenfalls zum anknabbern sind. Ganz nebenbei gibt es eine geheime Höhle, in der ein Diät-Cola-See vor sich hin brodelt, ab und an fallen Mentos herab, die wie Stalaktiten an der Decke herunter hängen. Hier wohnt Vanellope von Schweetz, ein „Glitch“, ein Fehler im Spiel, eine Figur die niemals in Erscheinung hätte treten sollen, nun aber eben dort ist, verhasst von ihren Mitstreitern, die in Sugar Rush fleißig Rennen fahren, die an actionreiche „Mario Kart“-Turnier erinnern. Nun treffen sie sich, diese beiden Außenseiter. Ralph, der sich in seiner Heimat nicht mehr wohl fühlt und Vanellope, die in ihrer Heimat nicht erwünscht ist.

So viele Videospiele-Figuren auch als Anekdoten durch den Film laufen, vor allem die Game Central Station hält einige Gastauftritte parat, die man vielleicht nicht gleich auf Anhieb entdeckt, sobald Ralph jedoch in Sugar Rush strandet, bleibt die Handlung auch genau dort verortet. Das Videospiele-Hopping ist schnell beendet, Street Fighter, Tekken, Sonic, Marios Bros. und Co. sind schnell vergessen, wenn sich Ralph erst einmal in Sugar Rush wiederfindet. Nun starten die „Abenteuer im Candy Land“, hier stehen Süßigkeiten und Autorennen im Mittelpunkt, als wolle man die Hauptinteressen von Mädchen und Jungen zueinander bringen. Gerne hätte Ralph noch einmal zu Hero’s Duty zurückkehren dürfen oder – wie er es im Abspann tut – „reale“ Videospiele besuchen können. So darf der Abspann schauende Zuschauer mit ansehen, wie Ralph gemeinsam mit Street Fighters Ken ein Auto zertrümmert, ein Mini-Spiel aus der Originalversion des 1991er Klassikers „Street Fighter II“.

Vanellope von Schweetz in “Sugar Rush”

Man merkt deutlich, wie auch Disney sich mal wieder aus seiner „Comfort-Zone“ bewegt hat, sich eher in Gewässern herumtreibt, in denen sich sonst Dreamworks Animation, Sony oder Illumination Entertainment herum treiben. Ähnlich wie seinerzeit mit „Bolt“, „Himmel und Huhn“ oder „Die Kühe sind los“, befreit man sich von den klassischen Märchen – seien sie weltlicher oder europäischer Natur. Hier wirkt dann alles auf einmal so knallbunt, so sehr im Anime-Style, viel zu modern für Disney, wie man die Filme aus diesem Hause sonst erleben durfte. Wo sind sie hin, die Märchenprinzessinnen, die detailverliebten Landschaftsbilder – Schlösser und Wälder in „Rapunzel“, ein atmosphärisches New Orleans“ in „Küss den Frosch“, so modern diese zuletzt inszenierten Märchen auch waren, sie dürfen sich gerne zu den Disney-Klassikern zählen, wo „Ralph Reichts“ irgendwie fehl am Platze wäre.

Darüber hinaus propagiert Disney dieses Mal eine recht bedenkliche Moral: „Du bist, wer du bist, daran lässt sich nun einmal nichts ändern“ heißt es zu Beginn, bevor Ralph in die große, weite Videospiele-Welt hinaus zieht. Der geneigte Disney-Gucker wird nun vermuten, dass Ralph eben nicht ist, wer er ist, sich ändern kann, der Mensch oder die Videospiele-Figur werden kann, die er sich so sehr wünscht zu sein. Am Ende treffen diese beiden Vorstellungen auch irgendwie überein, Ralph bleibt wer er ist, denn darum soll es gehen. Man kann sich nicht ändern, man kann nur akzeptieren wer man ist. Wenn man Spaß damit hat, welche Rolle man erfüllt, dann wird das schon zufrieden stellen. Dementsprechend ist Ralph dann auch glücklich mit seinem Dasein als Bösewicht, davon berichtet er dann auch wieder vor seiner Selbsthilfe-Gruppe.

In „Ralph Reichts“ ist alles kunterbunt, alles geht schnell von statten, es herrscht ein anarchistisches Chaos wie schon in „Madagascar 3“ oder „Hotel Transsilvanien“, weit entfernt von den ruhigen Erzählsträngen Pixars oder der märchenhaften Welten Disneys, wenn sie sich an klassische Stoffe heranwagen. Hier wird Nostalgie präsentiert, nicht zelebriert, vielmehr sind diese kleinen Blicke zurück in der Videospiel-Geschichte für die älteren Zuschauer gedacht, während das bunte Allerlei an verführerisch anmutenden Süßigkeiten, wie auch die actiongeladene Welt von „Hero’s Duty“ für die neue Generation von Kindern bestimmt ist. Diese Kombination aus Alt und Neu, wirkt dann leider eher wie ein wohl kalkulierter Familienfilm, bei dem die Liebe, die bei Disney sonst in den Zeichnungen und Animationen zu spüren ist, nur am Rande erlebt werden kann.

Denis Sasse

“Ralph Reichts“

Originaltitel: Wreck-It Ralph
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 108 Minuten
Regie: Rich Moore
Synchronstimmen: Christian Ulmen, Anna Fischer

Deutschlandstart: 6. Dezember 2012
Offizielle Homepage: disney.de/Ralph-reichts

1 Comment

  1. Gel ^^ sehe es morgen 😀

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