Filmkritik

“Der blinde Fleck” von Daniel Harrich

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Der blinde Fleck_PlakatDas Problem oder der Segen vieler deutscher Filme ist der unbedingte Wille, Geschehnisse möglichst detailgetreu nachzubilden und dabei das angenehme Sehvergnügen der Zuschauer außer Acht zu lassen. Problem oder Segen, je nachdem mit welcher Intention und mit welchem Selbstverständnis man sich solche Filme anschaut. So nun auch bei Der blinde Fleck von Daniel Harrich, selbst 1983 in München geboren, also drei Jahre nach dem Anschlag auf das Münchner Oktoberfest, welches im Interessenzentrum seines Films steht.

Der Film basiert auf dem Buch Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann, geschrieben von dem Journalisten Ulrich Chaussy, der im Film von Benno Fürmann dargestellt wird. Als Aufarbeitung der Ereignisse funktioniert der Film gut. Das Ereignis an sich ist vorüber, man beschäftigt sich mit der Nachlese. Während Chaussy, für den Bayrischen Rundfunk tätig, versucht das Attentat aufzuklären, für das seltsamerweise ein Einzeltäter verantwortlich gemacht werden soll, ist seitens der Politik das Streben nach einer möglichst schnellen und sauberen Abwicklung des Falls oberste Priorität. Der 26. September 1980 und die 13 Toten und über 200 Verletzten, die das Attentat mit sich brachte, sollen zwar nicht unter den Teppich gekehrt werden, aber immerhin erhält der Konterpart Chaussys – der Leiter des bayrischen Verfassungsschutzes Hans Langemann (Heiner Lauterbach) – den Auftrag, die Ermittlungen so zu beeinflussen, dass sie im Einklang mit den Interessen des Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß‘ sind.

Viele kleine Details spielen sowohl für Chaussy als auch für Langemann eine Rolle, viele Namen werden aufgewirbelt. Emotionen sucht man hier verzweifelt, Es ist eine nüchterne Betrachtung, die wiederum als „leichter Stoff“ für den Schulunterricht funktionieren kann, ohne auf die Darbietung einer Dokumentation zurückgreifen zu müssen. Auch in Der blinde Fleck finden sich Originalaufnahmen aus der damaligen Berichterstattung wieder, also ein Hauch von Dokumentation ist ohnehin gegeben. Ein Problem stellt das Ganze erst dann dar, wenn man sich unterhalten und eben nicht informiert fühlen will. Dann ist Der blinde Fleck die falsche Quelle. Schon zu oft ist der deutsche Film ist diese emotionslose Geschichtsdarbietungen eingetaucht, als das Regisseur Harrich hier irgendetwas an der Herangehensweise ändern könnte. Auch er scheint viel zu sehr vom deutschen Film geprägt zu sein, als das bekannte informativ-vorherrschende Muster aufzubrechen und ein wenig Unterhaltung einkehren zu lassen.

Der blinde Fleck als Segen, wenn man sich über die Verschwörungstheorie des Oktoberfest-Attentats informieren möchte, als Fluch wiederum, wenn man sich auf einen hundert Minuten langen Politthriller einlassen möchte, der keinerlei Thrill präsentiert.

Der blinde Fleck
Regie: Daniel Harrich, Drehbuch: Ulrich Chaussy, Daniel Harrich
Länge: 99 Minuten, freigegeben ab 12 Jahren, Heimmedienstart: 13. Mai 2014
im Netz: Der blinde Fleck
alle Bilder © Ascot Elite

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