Filmkritik

“Der Blender” von Bart Layton

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© Ascot Elite Home Entertainment / Frédéric Bourdin geht als Nicholas zur Schule / "Der Blender"

© Ascot Elite Home Entertainment / Frédéric Bourdin geht als Nicholas zur Schule / “Der Blender”

Der Comic Superheld Spider-Man bekommt es immer wieder mit seinem Gegenspieler Chamäleon zu tun, einem sowjetischen Schurken, der in der Gestalt von anderen Menschen auftaucht, für Verwirrung und Chaos sorgt. Harry Potter und seine Hogwarts-Schulkollegen erlernen in ihrer Zaubererlaufbahn die Kunst, den Vielsaft-Trank anzurühren, der Menschen eine andere Gestalt verleihen kann. Allesamt fiktionale Begebenheiten, die im wahren Leben gänzlich unvorstellbar wirken. Dennoch gibt es einen Fall, der schon fast fiktional-narrative Qualitäten besitzt, sich im Gegensatz zu den genannten Beispielen – Superschurke und Zaubertrank – aber wirklich zugetragen hat. Regisseur Bart Layton, bereits mit zahlreichen dokumentarischen Erfahrungen im Fernsehbereich ausgestattet, inszenierte mit „The Imposter“ seine erste Kinodokumentation – und schafft es sogleich dokumentarische Züge mit einer Erzählweise zu kombinieren, die spielfilmtechnisch mit Filmen wie „Catch Me If You Can“ von Steven Spielberg mithalten kann.

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Als Grundlage nimmt er den wahren Fall des 13-jährigen Nicholas Barclay, der am 13. Juni 1994 von zu Hause losgeht um mit seinen Freunden Basketball zu spielen. Am Ende des Tages will er seine Mutter anrufen, damit diese ihn abholen kommen kann. Sie schläft und Nicholas‘ älterer Bruder will sie nicht wecken. Der Junge kommt nicht mehr nach Hause, wird nie mehr wieder gesehen. Aber damit ist die Geschichte von „Der Blender“, so der deutsche Titel, noch nicht erzählt. Denn im Zentrum steht Frédéric Bourdin, ein 23-jähriger Franzose der die Identität des Jungen annimmt und innerhalb der Familie ein Zuhause findet. Niemand in der Familie wundert sich darüber, dass Nicholas auf einmal in Spanien wieder auftaucht, niemand scheint den Akzent zu bemerken, mit dem er auf einmal spricht. Selbst seine tragische Geschichte, dass er von mexikanischen, europäischen und US Militär entführt, von Texas nach Spanien gebracht und dort sexuell missbraucht wurde, erscheint allen Beteiligten als glaubwürdig.

Das Besondere an „Der Blender“ ist dann tatsächlich die einmalige Inszenierungsform. Von Beginn an sehen wir Frédéric Bourdin, mal mit verschmitzten Lächeln, mal darüber am nachdenken, ob er mit den Dinge, die er tat, nicht eine Grenze überschritten hätte. Nach und nach schildert er, vor der Kamera sitzend, wie er sich in Nicholas verwandeln konnte. Er legt seine Taktiken offen, spricht von der Manipulation und mit welchen Mitteln sie am effektvollsten zum Einsatz gebracht werden konnte. Die Überzeugung von Behörden und Familie, dass dieser Mann ein kleiner Junge sein soll, erscheint dermaßen wahnwitzig, dass das allein genügt, um an die Geschichte gefesselt zu werden. Vor allem findet man sich immer wieder in den eigenen Vorstellungswelten wieder: Wäre man selbst auf diesen Mann herein gefallen? Und gerade durch diesen Einbezug bleibt „Der Blender“ so mitreißend und –fühlend.

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Die größte Stärke von Bourdin wird dabei schnell deutlich. Es ist nicht allein seine Bereitschaft zu lügen, seine Dreistigkeit und das abgebrühte Vorgehen mit dem er minutiös seinen Plan verfolgt. Vielmehr ist es seine Stimme, von Regisseur Layton ebenso durchgeplant eingesetzt wie von Bourdin selbst. Ganz gleich ob in realen Interviewsegmenten oder in den nachgestellten Szenen des Tathergangs. Es ist seine Wortwahl, seine Betonung, manchmal sogar die inszenatorischen Sprachüberblendungen. Wenn der Bourdin in den gespielten Bildern beginnt zu sprechen, der Interview-Bourdin den Gedanken vollendet, wirkt das unheimlich und böse. Aber auch das gänzliche verstummen, wenn Bourdin anfangs kein Wort sagen will, wird gerade dadurch für uns so markant in den Vordergrund geholt, dass der Bourdin aus dem Off diese Szenen erklärt und erläutert. Warum ist er da gerade still? Warum will er kein Wort sagen? Welche Ängste plagen ihn, welche Pläne verfolgt er? Mit diesem Mehr-Wissen ausgestattet, führt uns nicht der Regisseur allein durch die Geschichte, wir werden auch vom Blender höchstpersönlich an die Hand genommen.

Die Doku stellt weder ihren Protagonisten als durch und durch böse dar, noch wird die Familie als naiv und dumm verkauft. Auf beiden Seiten sind es viel tiefere Beweggründe, die zu den jeweiligen Handlungsmustern führen. Gerade hierdurch gewinnt „Der Blender“ an sehenswürdigkeit. Nicht billig aufgebauscht, sondern kritisch durchleuchtet. Das Schicksal von Bourdin, schon seit Kindheitstagen auf der Suche nach seiner eigenen Identität, die er bis heute nicht gefunden hat, vermischt sich mit dem dieser Familie, die ihr Kind verloren hat, vor lauter Verzweiflung und Liebe jede Gelegenheit begrüßen würde, Nicholas – gleich ob real oder nicht – wieder in der Familie aufnehmen zu können.

Ein Mann auf der Suche nach seiner Identität und eine Familie auf der Suche nach ihrem jüngsten Mitglied. Hier spielen sich menschliche Züge ab, die selten so dokumentarisch nachvollziehbar und doch unglaublich in Szene gesetzt wurden.

 


Der Blender_Hauptplakat

“Der Blender“

Originaltitel: The Imposter
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: UK, 2012
Länge: ca. 99 Minuten
Regie: Bart Layton
Darsteller: Frédéric Bourdin, Cary Gibson, Bryan Gibson, Beverly Dollarhide, Nancy Fisher

DVD/Blu-Ray-Start: 4. Juli 2013
Im Netz: derblender.de


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