Filmkritik

“Quartett” von Dustin Hoffman

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© DCM Film Distribution GmbH / Maggie Smith (links) und Tom Courtenay (rechts) mit Regisseur Dustin Hoffman (hinten)

© DCM Film Distribution GmbH / Maggie Smith (links) und Tom Courtenay (rechts) mit Regisseur Dustin Hoffman (hinten)

Wenn die Omas und Opas des Films Spaß haben, dann haben es die Zuschauer auch. Nicht anders dürfte sich der Erfolg von „The Best Exotic Marigold Hotel“ erklären lassen, nicht der erste Film der Menschen gehobenen Alters unterhaltsam in Szene setzt. Nun die nächste Möglichkeit: Die Theaterstück-Verfilmung „Quartett“ von Ronald Harwood, der auch für das Drehbuch zum Film Hand anlegte, sein eigenes Playwright von der Bühne auf die Leinwand brachte. Mit ein wenig Unterstützung von Dustin Hoffman, der Mann der mit „Die Reifeprüfung“ seinen schauspielerischen Durchbruch bereits 1967 feierte. Nun stellt er sich nach langen Jahren seines Schaffens vor der Kamera einer neuen Herausforderung: Dem Regiestuhl hinter der Kamera. Dabei lassen Ronald Harwood (78 Jahre) und Dustin Hoffman (75 Jahre) ihre vier Hauptdarsteller (zusammen 285 Jahre) in das Beecham Altersheim für ehemalige Musikgrößen einziehen, nur um noch ein letztes Mal ihr berühmtes Verdi-Quartett zu bilden.

Bei den vier Star-Opernsängern von anno dazumal handelt es sich um Reginald Paget (Tom Courtnenay), Cecily Robson (Pauline Collins), Wilfred Bond (Billy Connolly) und Jean Horton (Maggie Smith), die sich unter der Leitung des ehemaligen Regisseurs Cedric Livingstone (Michael Gambon) zu einem Benefiz-Konzert überreden lassen um das Beecham House vor der Schließung zu bewahren. Wie jedes Jahr veranstalten die Betreiber und Bewohner des musikalischen Altersheims am 10. Oktober eine solche Gala zu Ehren Giuseppe Verdis, der an diesem Tage seinen Geburtstag feiern würde. Aber ganz ohne Probleme laufen die Vorbereitungen nicht ab, denn Opernstar Jean Horton war einst mit Reginald Paget liiert, die Trennung hat bei beiden tiefe Wunden hinterlassen. Angst und Ärger mischen sich in ihre Gefühle füreinander, während Wilfred immerzu auf Frauenjagd geht und Cecily an zunehmender Demenz zu leiden hat. So steht ein erneuter Auftritt des Quartetts und damit der Fortbestand von Beecham arg auf der Kippe.

Pauline Collins (links) mit Maggie Smith (rechts)

Pauline Collins (links) mit Maggie Smith (rechts)

Ein Film um die andauernde Liebe zur Musik, um das Älterwerden und die Performance. „Quartett“ bietet einen Einblick in die Welt von namenhaften Komponisten wie Giuseppe Verdi, Gioacchino Rossini, Franz Joseph Haydn und anderen Vertretern ihrer Zunft. Dabei wird die Moderne aber keinesfalls außer Acht gelassen, gerade Tom Courtnenays Reginald kümmert sich arg um die Bildung von Jugendlichen, bringt ihnen in einer Lehrstunde in Beecham die wahre Bedeutung der Oper näher, lässt sich im Gegenzug den Rap erklären. So versucht Hoffman vermutlich auch das junge Publikum an sich zu binden. Aber das nimmt Billy Connolly in die Hände, als Schwerenöter Wilfred, der den jungen Mitarbeiterinnen des Hauses wie auch den gesetzteren Damen hinterher stelzt, sich heimlich Alkohol verabreichen lässt und die provokantesten Sprüche ablässt. Und irgendwie klingt es auch recht charmant wenn dann Maggie Smith vor versammelter Frühstücksrunde die Worte „Fick dich“ spricht. Hier ist jede Figur bestens ausgearbeitet, mit ihrem ganz persönlichem Charme, oftmals auch mit einem Wortschatz der über das eigentliche Verständnis des Zuschauers über die Kommunikation zwischen der Über-80-Generation hinausreicht. Jeder bekommt hier seine ganz persönliche Hintergrundgeschichte, nicht immer nur fröhlich umherschweifend sondern mit den Ärgernissen des Alters kämpfend. Man greift auf eine ganze Menge Theaterbühnen-Erfahrung zurück, die hier aus bestem britischen Hause entstammt, um diesen Facettenreichtum zu bewerkstelligen.

Das ist dann eigentlich so überhaupt nicht, was man von Dustin Hoffman erwartet hätte, wenn dieser sich dem Regiestuhl nähert. „Quartett“ ist eher dem französischen Film zuzuordnen, ruhig und besonnen, immer das Glück predigend, durchläuft er sanft und klangreich seine Minuten. Nur in wenigen Momenten bangt man um die Hauptdarsteller als würde man Hollywood-like einen von ihnen opfern um Emotionen beim Zuschauer zu erzeugen. Diesem Trauerspiel möchte Hoffman sich aber verweigern, auch wenn er Momente schafft, die dem Nahe kommen. Wenn Wilfred kurz inne halten muss, sich sichtlich mit Herzbeschwerden, Atemnot herumschlägt, aber auch wenn Cecily erschrocken über einen Wutausbruch aus Jeans Zimmer flüchtet, mit einem Servierwagen zusammenprallt und dabei ein gutes Stück ihres Erinnerungsvermögens einbüßt. Die Spuren des Alters machen sich bemerkbar. Da klagt Maggie Smith um ihre Hüfte, die ihr das Leben erschwert ebenso wie über die Angst vor einem erneuten Auftritt. Denn äußerliche Gebrechen sind nur die eine Seite des Älterwerdens. Hier werden auch noch die innersten Gefühlswelten hinzugezogen. Der Groll um eine verflossene Liebe, das Unbehagen alt geworden zu sein, Angst davor nicht mehr die richtigen Töne treffen zu können. Wo Cecily sichtlich noch Spaß mit ihrem Leben hat, freudig quietschend durch das Haus tänzelt, auch nicht vor ein paar heißen Salsa-Rhythmen zurückschreckt und sich Reginald gar mit dem Alter abgefunden hat, bekommt man mit den übrigen zwei Mitgliedern des Quartetts die eher altersscheuen Charaktere serviert.

Billy Connolly

Billy Connolly

Dabei geht es vor allem bei Maggie Smiths Jean um die Angst das Vergangene vergessen zu machen. Sie möchte nicht mehr auftreten, hat Angst davor dass ihre Fans sie anders zu hören bekommen, als zu ihrer Glanzzeit. Da kommt sie dann durch, die große Diva, die sich immer noch um die Kritiken sorgen macht, Angst vor bösen Worten hat. So begegnet sie auch ihrem Ex-Ehemann Reginald, bittet ihn nett zu sein, Vergebung und Vergessen stehen bei ihr an höchster Stelle – ihr Betrug von einst mag sich bei ihm aber nicht ganz so schnell verflüchtigen. Es fallen trotz ihres Wunsches diese bösen Worte, denen sie ein Leben lang ausgewichen ist. Aber das Drama wird sich zum Guten wenden, weil Dustin Hoffman hier keine traurige Geschichte erzählen möchte, sondern das Märchen von vier alten Opernsängern, die noch einmal gemeinsam im Scheinwerferlicht der Bühne stehen dürfen. Das Ende muss nicht immer mit dem Tode in Verbindung gebracht werden, hier in „Quartett“ ist es sogar die zweite Chance, ein neues Leben, welches zum Schluss zelebriert wird.

„Quartett“ ist ein seichter Einstand für Dustin Hoffman auf dem Regiestuhl, aber eine großartige Arbeit um emotionale Altersgebundenheit. Die Gebrechen und Freuden spielen gleichermaßen in die Geschichte mit ein, die ganz tief in ihrem Herzen eigentlich nicht durch ihren Regisseur, sondern durch die vier großen Opernsänger, durch das Quartett am Leben gehalten wird. Dass dann ausgerechnet Michael Gambon einen wirren Regisseur verkörpert, der sich fremde Ideen aneignet und recht cholerisch durch Beecham streift – man mag nur hoffen dass das kein selbstreflexives Bildnis der Arbeitsweise Dustin Hoffmans darstellen soll.

Denis Sasse

Quartett_Hauptplakat

“Quartett“

Originaltitel: Quartet
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: GB / D, 2012
Länge: ca. 102 Minuten
Regie: Dustin Hoffman
Darsteller: Maggie Smith, Tom Courtenay, Billy Connolly, Pauline Collins, Michael Gambon, Sheridan Smith, Andrew Sachs, Gwyneth Jones

Deutschlandstart: 24. Januar 2013
Offizielle Homepage: quartett-derfilm.de

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