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Das große Digitalisierungs-Interview / Teil 3 von 4

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Im letzten Teil des Interviews sprachen wir mit Matthias Gossmann über die Vor- und die Nachteile, die ein digital umgestellter Film- und Vorführbetrieb mit sich bringt. Trotz aller nostalgischer Sentimentalität, die den Zuschauern und den Vorführern den Abschied vom mechanischen Material erschweren könnte, überwiegen doch die Vorteile und Qualitäten der neuen, digitalen Technik. Aber was verändert sich für die dritte ‘Betroffenen-Gruppe’, die Kinos, insbesondere für das Lichtwerk?

filmtogo: Was genau wird sich denn jetzt für die Kinos, insbesondere also im Kinobetrieb verändern? Werden da bessere Umsatzzahlen erwartet, mehr Service oder weniger Stress? Was genau hat jetzt das Kino als Betrieb davon?

Matthias Gossmann: Ich glaube tatsächlich gar nichts. Also die Arbeiten verändern sich. Aber, dass eben z.B. der Film nicht mehr aufgeaktet werden muss, dafür muss jetzt irgendwie die Festplatte in den Server rein – das muss auch jemand machen.

filmtogo: Wird es denn 3D im Lichtwerk geben?

Matthias Gossmann: Wir werden auch 3D zeigen können, aber wenn ich so in den letzten 2 Jahren gucke, wie viele Filme von denen, die wir im Lichtwerk gezeigt haben in 3D verfügbar waren, dann war das glaub ich einer. Und das war “Pina”. Also ein klassischer Arthouse-Film, der im Lichtwerk gelaufen ist und der auch völlig zu recht in 3D hätte laufen sollen, bei uns ist er leider nur in 2D gelaufen. Was ein echter Verlust war bei dem Film, weil das für die Dreidimensionalität geschaffene Bilder und Einstellungen waren. Also wir werden eine 3D-Anlage haben, ein System, mit dem wir auch von Saal zu Saal ziehen können – also so dass immer in einem Kinosaal tatsächlich eine 3D-Projektion möglich ist. Ich glaube, wir werden auch in Zukunft eher so in dem Bereich sein, dass wir einen Film pro Jahr in 3D haben. Das ist schon besonders, dass wir das dann auch in 3D können. Die Frage stellte sich bisher eben nicht, aber es wird sich für das Publikum ansonsten wenig ändern. Also die kaufen ihre Karten ganz normal, kaufen noch eine Cola oder einen Rotwein und gehen dann irgendwann in den Kinosaal rein und dann wird es dunkel und dann kommt ein Vorprogramm und dann kommt der Hauptfilm. Und für das Kino an sich wird sich nichts ändern – das ist auch einer der Gründe warum es lange gedauert hat in Deutschland – es gibt für einen Kinomacher eigentlich keinen Grund auf digital umzustellen, weil: Wir werden kein Geld sparen, wir werden auch bei den Personalkosten nicht einsparen können. Die Tatsache, dass da jetzt kein Filmvorführer mehr startet, heißt ja nicht, dass da niemand einen Knopf drückt.

filmtogo: Also es wird nicht so sein, dass der, der an der Kasse sitzt da auf einen roten Knopf drückt und dann läuft das irgend wie schon?

Matthias Gossmann: Es gibt Kollegen die machen das so. Oder die planen das so. Ich glaube aber nicht, dass das Sinn macht. Die werden auch wieder zurück zum Menschen kommen. In dem Moment – und wer das Lichtwerk kennt, weiß das – wo da plötzlich niemand mehr herum läuft, niemand mehr als Ansprechpartner da ist; das funktioniert nicht. Dann kann ich auch zu Hause bleiben und mir da einen Film angucken, wenn ich niemanden sehen will oder mit niemandem was zu tun haben will. Also wir werden weiterhin Leute haben, die heißen dann nicht mehr Filmvorführer. Vielleicht heißen die dann Filmstarter – oder ich weiß es nicht. Aber die werden in den Kinosaal reingehen, werden gucken ob alle ihren Sitz gefunden haben, werden auch als Ansprechpartner weiterhin da sein, wenn´s zu warm ist, wenn´s zu kalt ist oder zu laut oder zu leise. Werden den Film dann starten, das Vorprogramm starten, gucken ab und zu nochmal vorbei, ob alles gut läuft. Immerhin wird es dann aber keinen Filmriss mehr geben.

filmtogo: Aber Fehler können ja immer noch passieren…

Matthias Gossmann: Es können weiterhin Fehler passieren. Und wer zu Hause einen Computer hat weiß, dass dieser Computer nicht zwangsläufig – nur weil er digital ist – perfekt arbeitet. Also auch da kann was passieren. Das heißt, in Zukunft ist dann nicht die Blase auf der Bildwand zu sehen, wo der Film gerade geschmolzen ist, sondern es gibt einen Bluescreen. So was passiert. Das ist früher mehr passiert. Heute höre ich von Kollegen kaum noch davon. Aber es ist möglich, es wird weiterhin Fehler geben. Menschen bedienen diese Geräte, auch die können Fehler machen. Also ein Film der zu früh startet, der zu spät startet. All das kann weiterhin passieren. Aber ich denke, dass ist auch das, was wir wollen. Also wenn wir ein perfektes System haben wollen würden, dann müssen wir die Menschen irgendwie außen vor lassen. Und das gilt dann auch irgendwann für das Programmieren der Filme und für das Drehen. Also von daher – das ist schon noch eine Kette von Menschen, die da Sachen tun und wir sind das letzte Glied in der Kette, wenn wir es dann dem Publikum zur Verfügung stellen.

filmtogo: Wo du jetzt schon das Drehen von Filmen angesprochen hast, was verändert sich denn jetzt für den Filmmarkt? Also da gibt es doch bestimmt einige Umwälzungen, die sich sicherlich lohnen. Die werden ja nicht nur digital drehen und bearbeiten, weil es alle anderen so machen?

Matthias Gossmann: Ja das ist ja der Grund warum es überhaupt gemacht wurde. Digital hat natürlich wahnsinnige Vorteile. Also wenn auch bis vor kurzem fast ausschließlich noch analog gedreht wurde, in dem Moment wo es in die Nachbearbeitung ging, wurde digitalisiert. Das heißt, das analoge Material – in der Regel so 16mm oder Super 16 – wurde dann digitalisiert und dann geschnitten. Der digitale Schnitt hat eben Vorteile. Man arbeitet nicht mehr mit einer Filmrolle, mit einem Negativ auf einem Schneidetisch und legt den Ton an und so. Das ist alles viel effektiver. Und bisher war es dann so, dass nur für die Kinos dann irgend wann noch mal wieder eine analoge Aufspielung gemacht wurde. Weil der Rest der Verwertungskette ist ja digital seit Jahren. Ob das das Fernsehen ist, DVD, Blu-Ray, wo auch immer ein Film dann irgendwann noch mal läuft, wird er digital abgespielt. Nur im Kino war es bis dann immer analog. Und ich hab ja eben geschildert, warum die Kinos da lange drauf verzichtet haben, auf die Digitalisierung. Weil sie eigentlich kein Vorteil davon haben. Also dem Kinomacher ist es egal, ob der Film digital oder analog läuft. Die bessere Qualität inzwischen jetzt mal außen vor gelassen. Für die Produktionsfirmen ändert sich da riesig viel. Die können sagen, wir machen von vorne bis hinten digital, wir sparen uns den ganzen Analogquatsch. Es wird allerdings auch in Zukunft noch den einen Moment geben wo eine Archivkopie gezogen wird. Es hat noch niemand ein besseres Medium gefunden, als ein Negativ. Das ist das Haltbarste. Wenn jetzt von einem 70 Jahre alten Film eine Kopie in irgendeinem Lager gefunden wird und gesagt wird, Mensch die ist ja viel besser, als die, die wir im Moment zeigen oder haben, das zeigt ja wie haltbar das Zeug ist. Und das sind ja nicht mal Polyester-Kopien, sondern das ist dann entweder Nitrofilm oder Triacetat oder so. Das ist gar nicht so haltbar. Aber eine Festplatte geht eben noch schneller kaputt. Das heißt im Moment gibt es noch kein besseres Langzeitspeichermedium als den 35mm Polyester-Film. Insofern wird es auch weiterhin irgendwann mal diesen analogen Moment geben, aber den haben wir dann eben nicht im Kino. Also so eine Archivkopie landet nicht im Kino, sondern ist dafür da, falls wir in 2000 Jahren gefunden werden, dass die Außerirdischen wissen, was wir so geguckt haben.

filmtogo: Und wie ist das denn mit der Störanfälligkeit des Ganzen, also in der Produktion und auch im Weiterversenden? Also du hast ja eben schon gesagt, dass Festplatten schneller kaputt gehen, als eben ein 35mm Film. Wenn 35mm Filme in ihren Kartons umher geschickt werden, passiert damit recht wenig. Da kann man sich drauf setzen, die können runter fallen, da passiert nichts. So eine Festplatte ist ja wahrscheinlich ein bisschen sensibler?

Matthias Gossmann: Ich bin nun kein Datensicherungstechniker, aber klar, eine Festplatte kann eben kaputt gehen, wenn ich sie fallen lasse zum Beispiel. Das System wie da im Moment mit umgegangen wird, ist, dass die in gedämmten Kunststoffboxen transportiert werden. Da ist Schaumstoff drin, also vor Stößen geschützt. Das scheint, zumindest was man von Kollegen hört, ziemlich gut zu funktionieren. Und wenn man eine defekte Festplatte bekommen hat, dann liegt das in der Regel nicht daran, dass der Versanddienst nicht vorsichtig genug war. Sonder dann liegt es in der Regel daran, dann beim kopieren irgendwas nicht geklappt hat. Weil man kann sich das schon so vorstellen: da wird irgendwie per drag and drop auf eine zweite Festplatte ein Original kopiert und dann in irgendeiner Form mit dem dazugehörigen Schlüssel gemastert. Und wenn dann da irgendwas nicht klappt, das wäre schon der schlimmste Fall: Wir haben am Donnerstag die Kopie da und es läuft nicht und dann können wir nur sagen: „Tja, fällt heute leider aus!“ Das ist allerdings eine Situation, die gibt es ja beim analogen Film auch. Also das hat ja auch nicht immer geklappt, dass die Filmkopie rechtzeitig fertig geworden ist. Also ich erinnere mich daran, dass vor Jahren ein Kollege nach Amsterdam gefahren ist um da aus dem Kopierwerk eine Kopie abzuholen, die abends im Lichtwerk, in der August-Bebel-Straße war das noch, laufen sollte. Dann hat der da eine Höllenfahrt nach Amsterdam hingelegt und hat da die Filmkopie besorgt, weil der Verleih das nicht rechtzeitig hingekriegt hat. Also da schützt einen ja keiner vor. Und das ist auch wieder der Punkt, es sind eben Menschen beteiligt und das finde ich eigentlich ganz gut. Also das wir das perfekte System auch gar nicht wollen.

filmtogo: Und zum Schluss muss man ja auch sagen, dass durch das Digitale Sachen ermöglicht werden, die es vorher nicht gab. Wenn man jetzt zum Beispiel an den kommenden Film “Der Hobbit” denkt, mit diesen 48 Bildern pro Sekunde, die da gezeigt werden sollen, was natürlich analog überhaupt technisch schwer wäre…

Matthias Gossmann: Naja, es ist schon möglich wahrscheinlich, aber es ist dann ein wahnsinnig langer Film plötzlich. Aber ja klar, die Digitalisierung bringt erstmals einen richtig großen technischen Sprung ins Kino, das muss man ganz klar sagen. Die Möglichkeiten 3D in farbig zu machen – also 3D gab es ja auch früher schon in diesen monochromen grün-rot Format. Das ist schon der größte Sprung und trotzdem glaube ich, dass…man kann da viel spielen und viel machen mit der Technik, im Endeffekt werden Filmemacher nicht drum herum kommen uns Geschichten zu erzählen, die wir spannend, unterhaltsam oder lustig finden. Und ich kann noch so eine tolle Technik haben, wenn ich keine Geschichte zu erzählen habe, dann gehen die Leute nicht ins Kino und gucken nicht. Und wenn man sich die größten Kinoerfolge der letzten Jahre anguckt, dann ist da auch eben so etwas wie “Ziemlich beste Freunde” dazwischen, ein Film der komplett ohne Tricks, ohne Special-Effects auskommt, und eine Geschichte erzählt und das ist der erfolgreichste Film seit Jahren in Deutschland. Und ich finde das sagt deutlich was darüber aus, was die Leute sehen und hören wollen. Also es geht eben nicht um was Technisches und ich kann den vielleicht auch noch in 3D drehen, deswegen gehen da nicht mehr oder weniger rein. Es geht um Geschichten, die wir uns erzählen lassen wollen.

Der letzte Teil des Interviews ist nächsten Sonntag, am 7. Oktober zu lesen. Darin bewegen wir uns weg aus Bielefeld und Deutschland und werfen einen Blick auf das internationale Kinogeschehen. Wie gehen andere Länder mit der Digitalisierung um und wie weit ist dieser Prozess andernorts schon vorangeschritten?

Das Interview wurde von Sarah Peters geführt.

Denis Sasse
Ich schreibe seit 2009 über Filme und habe viele Jahre Hörfunk-Beiträge zu unterschiedlichsten Medieninhalten produziert. Beim Radio durfte ich meine eigene Kino-Sendung planen und moderieren. Irgendwie habe ich ein Studium der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaften dazwischen gequetscht. Jetzt lehre ich an einer Hochschule über Thematiken in den Bereichen Film, Fernsehen, Social Media und Medienpädagogik.

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