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Das große Digitalisierungs-Interview / Teil 2 von 4

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Im ersten Teil des Interviews sprach filmtogo mit Matthias Gossmann, dem Betriebsleiter vom Lichtwerk, der sich seit einigen Monaten mit dem Thema ‘Digitalisierung’ auseinander setzt, um auch das Lichtwerk bald um- und aufrüsten zu können. Nachdem die Vorgänge einer digitalen Projektion erläutert wurden und auch die veränderte Bildqualität besprochen wurde, gilt es nun sich den Vor- und den Nachteilen dieser qualitativen Veränderung zuzuwenden. Einen analogen Filmprojektor hat kaum jemand im Wohnzimmer stehen. Beamer und hochauflösende Heimanlagen jedoch findet man schon häufiger. Wie kann sich das digitale Kino also von modernen Heimanlagen abgrenzen?

filmtogo: Oft hört man auch die Abkürzung ‘DCI’, oder auch ‘DCI-Standard’ in dieser ganzen Digitalisierungs-Debatte. Was genau ist das, was hat man sich darunter vorzustellen?

Matthias Gossmann: Die DCI ist eine Initiative, die sich gegründet hat um gewisse Standards zu begründen. Das Kino war analog bisher, man musste 35mm zeigen, und da gab es keine Alternativen. Bei digital könnte jetzt passieren, dass die Kinos hingehen und sagen: „Ich stell mir einen Beamer hin und einen DVD-Player und dann zeig ich einen Film.“ Und da haben sowohl die großen Verleiher, als auch die Produktionsfirmen gesagt: „Das können wir nicht wollen. Wir können nicht wollen, dass ein hochwertig produzierter Film hinterher in einem Kino läuft, auf einer großen Leinwand, aber von DVD abgespielt wird mit einem schlechten Bürobeamer.“ Und dann wurde diese Initiative gegründet, die eben definiert, was technisch gemacht werden muss, damit digitales Kino funktioniert. Da sind solche Sachen drin wie z.B. die Auflösung muss mindestens 2K sein, die Art der Verschlüsselung, die Tonformate. Es geht auch darum Kopiersicherheit zu gewährleisten. Da werden Festplatten durch die Gegend geschickt, der Postbote nimmt sich die und will die kopieren, dann hat er den Film, der nächste Woche im Kino startet, zu Hause. Also da sind Sicherheitsmerkmale geschaffen worden und Sicherheitsschlüssel, dass das eben nicht funktioniert, sondern dass man relativ viel Aufwand betreiben müsste um überhaupt so eine Festplatte auszulesen. Also es ist tatsächlich nicht möglich, so einen Film einfach runter zu kopieren.

filmtogo: Also kommt man um diesen Standard auch nicht drum herum? Ist der Verbindlich?

Matthias Gossmann: Naja, im Endeffekt entscheidet jedes Kino, was es macht. Allerdings ist es fast weltweit so gelaufen, dass dort, wo öffentliches Geld in Digitalisierung geflossen ist, wurde immer gesagt, dass es aber nach dem DCI-Standard sein muss. In Deutschland ist es jedoch tatsächlich so, dass es Standard-offen gesagt wurde. Aber was nützt mir als Kino, wenn ich nicht nach dem Standard digitalisiere? Dann hab ich vielleicht die Förderung bekommen und hab eine tolle digitale Projektion, die aber nicht nach dem DCI-Standard ist, das heißt ja nicht mal, dass die schlecht ist, die kann ja sogar besser sein, ich könnte ja sagen, ich nehme was noch Besseres. Ist aber nicht nach dem Standard, also die Verleiher beliefern mich hinterher nicht mit Filmen. Das ist die Angst vieler Kinobetreiber, sodass sie eben sagen: „Ich muss nach dem DCI-Standard digitalisieren, weil ansonsten kriege ich vielleicht keine Kopien mehr.“ Das trifft dann vor allem natürlich die kleinen Kinos, also so ein Kino auf der Fläche im Land, die haben dann eine Bildwandhöhe von 2m oder so und stellen dann einen 60.000€ Projektor hin, das macht nicht unbedingt Sinn, muss aber nach DCI-Standard sein. Und auch das Lichtwerk investiert in die DCI-Standards.

filmtogo: Nun stellt sich dennoch vielen die Frage nach den Vor- und auch den Nachteilen dieses ganzen Prozesses. Ein Nachteil, der einem sofort in den Sinn kommt ist eben, dass der Beruf des klassischen Vorführers sterben wird. Und damit einhergehend wird nun alles irgendwie automatischer und undurchsichtiger und ferngesteuert. Wie siehst du das? Hast du da keinerlei Bedenken, siehst du das auch mit einem weinenden Auge?

Matthias Gossmann: Ich hab’ das natürlich genauso. Ich habe irgendwann auch mal Filmvorführen von 35mm Filmen gelernt, und habe das auch ganz viel gemacht. Ich kenne auch den Film “Cinema Paradiso”, ich finde das ist einer der schönsten Filme, wo dieser Beruf thematisiert wird. Und was das angeht bin ich natürlich genauso, hab’ die Träne da im Augenwinkel und finde, dass es schade ist, dass das bald weg ist. Und der Beruf wird verschwinden. Eigentlich gibt es den Beruf ja schon jetzt gar nicht mehr, heute lernt ja keiner mehr ‘Filmvorführer’, man wird angelernt und dann arbeitet man als Filmvorführer in einem Kino. Und wer das mal gemacht hat oder zugeguckt hat, weiß, dass das Romantische aus “Cinema Paradiso” schon gar nicht mehr so ist. Auch heute geht es da schon viel um Knöpfe drücken und Automation und in der Regel wird nur noch nach einem Programm gefahren. Der Beruf wird so verschwinden auf jeden Fall, so wie auch der Köhler auf der Dampflok irgendwann nicht mehr gebraucht wurde. Und ich finde das schade aus romantischen Gründen, aber es passiert eben.

filmtogo: Vielleicht sollten wir, bevor wir die Vorteile klären, erst mal kurz erläutern, was man eigentlich machen muss, wenn man so einen klassischen 35mm Film abspielen will. Die klassische Arbeit eines Filmvorführers ist ja viel mehr als einfach nur vorführen. Nämlich bevor der Film gezeigt wird, muss man den erst mal aus den angelieferten 6 kleinen Rollen, also den 6 Akten, zu einer großen Rolle zusammenkleben. Dann legt man den Film so über ein Dutzend Führungsrollen und Spulen am Filmprojektor ein, um ihn dann einmal zu zeigen, dann muss der komplette Film wieder zurückgespult werden, dann läuft der Film ein paar Wochen lang, immer nach diesem Schema. Und am Ende muss der Film wieder zu den 6 kleinen Rollen auseinandergeschnitten werden, um wieder verschickt werden zu können.

Matthias Gossmann: Man kann rechnen, routinierte Leute brauchen jeweils für das zusammenkleben und das auseinanderschneiden eine halbe Stunde. Aber es ist einfach Arbeit, die für jeden Film gemacht werden muss.

filmtogo: Und wenn man sich hingegen die digitale Projektion anschaut: es gibt eine Festplatte, die wird eingesteckt und muss nur noch gestartet werden. Kein Zurückspulen mehr, wie man das ja auch von alten VHS-Kassetten noch kennt.

Matthias Gossmann: Und jetzt sprichst du grad schon einen der größten Vorteile an: denn dieses ganze zurückspulen, koppeln, mit den Fingern anfassen, über Schienen läuft der Film, über Rollen, der wird umgelenkt, abgetastet, hier drüber geschliffen, darüber geführt, das ist alles mechanische Belastung. Und wer VHS-Zeiten noch erlebt hat, weiß, dass die Videokassette von dem Lieblingsfilm nach fünf Mal gucken gar nicht mehr so richtig toll aussah. Da gab es dann eben irgendwann Gekrissel und Bildstreifen. Und das ist einer der größten Vorteile von der Digitalisierung. Das ich mit der gleichen Qualität die Uraufführung machen kann, wie das Nachgespielte 20 Wochen später. Der Film wird nicht schlechter. Und man muss sagen, ein analoger Film, der richtig toll kopiert ist, also im Kopierwerk richtig gut gezogen wurde, hochwertig und der gepflegt wird im Kino, der sieht auch da nach 2-3 Wochen noch richtig gut aus. Aber wir haben ein mechanisch belastetes Material, da kommt Staub drauf, also wir haben keine Staubfreien Räume, das geht gar nicht. Insofern ist diese Abnutzung und wie sieht eigentlich ein Film nach 20 Wochen Spielzeit aus…

filmtogo: Einge mögen das ja auch…

Matthias Gossmann: Das ist aber auch wieder so ein romantischer Tick. Da kommen Leute ja auch auf die lustigsten Ideen. Die produzieren einen Film und machen künstlich Staubpartikel rein, da kann ich nur sagen: „Für mich bitte nicht!“. Also ich brauch das nicht. Mir ist eine Geschichte und ein gestochen scharfes Bild dann tatsächlich wichtiger, als ein Staubkorn. Ich bin da auch kein Fan von, dass ein Foto automatisch, weil es schwarz/weiß ist, schöner ist, als in Farbe. Das kann sein, muss aber nicht sein. Also ich denke, für mich überwiegen die Vorteile.

Den nächsten Teil des Interviews gibt es am Sonntag, den 30. September, zu lesen. Darin wird enthüllt, ob man, dank der digitalen Projektion, bald auch 3D-Filme im Lichtwerk schauen kann oder ob das unerwünschter Schnörkel ist. Außerdem werden auch die möglichen Fehler der digitalen Prozesse erörtert werden.

Das Interview wurde von Sarah Peters geführt.

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