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Das große Digitalisierungs-Interview / Teil 1 von 4

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Es geht um das große Thema ‘Digitalisierung’. filmtogo.net möchte sich mal genauer damit beschäftigen und wichtige Fragen klären. Zum Beispiel: Was genau bedeutet ‘Digitalisierung’ eigentlich, was passiert dabei in den Kinos und vor allem, was merkt der Kinozuschauer davon? Um alle diese Fragen zu beantworten sprechen wir mit jemandem, der sich bestens mit der Materie auskennt, denn er hat sich die letzten Monate mit dieser Thematik beschäftigt um das Bielefelder Lichtwerk-Kino digital umrüsten zu können.

Matthias Gossmann arbeitet seit zwölf Jahren im Lichtwerk-Kino. Bis 2006 im alten Lichtwerk, in der August-Bebel-Straße und seit 2006 im Ravensberger Park. Und seit ein paar Monaten beschäftigt er sich ganz intensiv mit dem Thema Digitalisierung, denn das Lichtwerk wird nun digital. Eine der letzten Festungen der analogen Projektion, kommt nun auch nicht mehr um diesen Schritt herum.

filmtogo.net: Warum passiert das jetzt und vielleicht auch warum jetzt erst?

Matthias Gossmann: Also seit es den Begriff ‘Digitalisierung’ gibt, denken wir da natürlich oft drüber nach. Es stellt sich für Kinos immer die Frage “Wer soll das eigentlich bezahlen?” und “Warum sollen wir das machen?”. Und wir haben lange mit unserem Verband, der AG Kino-Gilde, auch darüber gerätselt, denn wir können es alleine nicht stemmen. Man sprach von circa 60.000€ Euro für einen Saal, für die reine Projektion mit Server. Seit Kurzem ist nun klar: alle wollen sich beteiligen, sogar die Verleiher. Und der Eigenanteil ist inzwischen so niedrig, dass wir es auch stemmen können.

filmtogo.net: Was genau bedeutet das jetzt fürs Lichtwerk? Was wird in den nächsten Monaten konkret im Lichtwerk passieren?

Matthias Gossmann: Also im Moment planen wir natürlich. Wir haben Anträge geschrieben, da will die FFA , also die Filmförderanstalt in Berlin, einen Antrag haben, falls sie uns Geld geben sollen. Dann geht’s auch darum, dass wir die Vorführräume klimatisieren müssen. Die neuen Projektoren sind da sehr empfindlich. Die alten Analogen laufen auch noch, wenn da 40° in der Vorführkabine sind. Es brennt immerhin eine große Lampe, ein Server läuft in Zukunft da; das ist alles Abwärme, die erzeugt wird und die abgeführt werden muss. Also im Moment geht es um die sogenannten Peripherie-Investitionen, wo wir überlegen “Okay, was müssen wir machen?”, also beispielsweise Netzwerkkabel legen, Klimatisierung. Im Oktober ist es dann auch so weit. Wir haben die Sachen quasi bestellt, dann irgendwann kommt ein Kinotechniker. Die Sachen werden aber nicht nur hingestellt, sondern die werden schon eingerichtet und auf unsere Bildwandgröße eingestellt. Wir hoffen, dass wir mit möglichst wenig Ausfall durchkommen. Also sowas wie eine Woche zumachen und keine Filme zeigen, dass wollen wir dem Publikum nicht zumuten. Die kommen dann ja direkt auf Turkey, wenn das Lichtwerk mal geschlossen ist…wir können ja auch nicht nur zum Rotwein-trinken aufmachen…

filmtogo.net: Och, vielleicht würde das funktionieren…

Matthias Gossmann: Wahrscheinlich würde auch das sogar funktionieren, aber Filme zeigen ist eben unser erstes Geschäft. Also wahrscheinlich wird es so Einschränkungen geben, dass mal ein Saal einen Tag zu ist. Ich gehe davon aus, dass wir insgesamt mit 2-3 Tagen insgesamt Ausfall für jeweils einen Saal gut klarkommen.

filmtogo.net: Und wird es ab dann andere Filme geben? Also gibt es irgendwelche inhaltlichen Veränderungen im Filmprogramm vom Lichtwerk, wenn die Digitalisierung erst mal durch ist?

Matthias Gossmann: Also erst mal muss man sagen: es geht hier um das Trägermedium. Die Filmemacher machen keine neuen oder anderen Filme deswegen. Die Verleiher bringen auch keine anderen Filme raus. Im Moment ist es ja so, wir werden beliefert mit 35mm Material – mehr oder weniger alles was auf den Markt kommt gibt es auch in 35mm – und dann gibt es vielleicht den ein oder anderen ganz kleinen Film, der nur als DVD erscheint. Den können wir im Moment aber auch schon zeigen, weil wir tatsächlich auch einen Beamer haben. Also das Programm an sich wird sich nicht ändern. Wir werden vielleicht solche Sachen machen können wie z.B. einmal in der Woche einen OmU-Abend, also das wir einen Film im Original mit Untertiteln zeigen. Vielleicht nicht grade original-taiwanesisch mit Untertiteln, da sind die europäischen Produktionen auch interessanter, aber das konnten wir bisher nicht machen, weil die Verfügbarkeit von Original-Kopien relativ gering ist und das ist ein sehr großer Aufwand für einen Abend so eine Kopie ranzuschaffen. Bei digital ist das dann einfacher, dann stellt man einfach eine andere Tonspur ein und zeigt die Untertitel.

filmtogo.net: Wird es denn auch Filme geben, die nicht mehr gezeigt werden können, weil es die noch nicht in digital gibt? Gibt es solche Filme?

Matthias Gossmann: Das ist ein Thema, das uns natürlich auch beschäftigt, also was passiert eigentlich mit den alten Schinken? Im Moment ist es so, dass wir im Filmlager anrufen und sagen, dass wir den gerne zeigen wollen und dann zeigen wir den auch. Also auch wenn es zugegebenermaßen eher selten passiert dass wir jetzt wirklich alte Filme zeigen. Wenn es dann wirklich an die ganz alten Sachen geht, die dann inzwischen auch nicht digitalisiert wurden, dann kann man auf Blu-Ray zurückgreifen, also das Repertoire wächst da an der Stelle. Und wir wollen zudem auch einen analogen Filmprojektor behalten.

filmtogo.net: Man kennt von vielen Leuten beim Thema ‘Digitalprojektion’ diesen einen völlig absurden Satz: “Ach Mensch, dann spielt ihr ja auch bald DVDs und Blu-Rays im Kino ab?!” Räum doch mal mit diesem Klischee auf, was passiert jetzt eigentlich wirklich bei einer digitalen Filmvorführung? Wird wirklich nur eine DVD reingeschoben und abgespielt?

Matthias Gossmann: Das ist theoretisch möglich, ja. Aber das ist zu wenig. Also die Qualität, die auf einer DVD ist, reicht tatsächlich nicht aus um im Kino auf einer großen Bildwand ein anständiges Bild zu erzeugen. Die Technik, die wir benutzen ist schon eine Art Beamer, aber der ist sehr hochwertig mit einer hohen Auflösung. Im Kinobereich spricht man hier von 2K-Auflösung. Das ist die Auflösung von Blu-Rays, allerdings ist der Farbraum noch weitaus höher als auf einer Blu-Ray. Also das heißt die Qualität, das Kontrastverhältnis, die Auflösung und der Farbraum, das ist alles besser, als das beste im Moment verfügbare Medium im Heimbereich. Die Belieferung der Filme läuft über eine Festplatte, im Moment. Das wird vielleicht irgendwann in 5-6 Jahren über Breitband-Internetleitungen laufen. Im Moment ist das alles noch zu langsam, weil ein Film kann zwischen 300 und 800 Gigabyte groß sein und das transportiert man nicht mal eben übers Internet. Also die Filme werden im Moment über Festplatten in die Kinos geliefert, werden dann in den Server eingespielt und von da aus abgespielt. Und dann macht dieser Projektor ein hochwertiges Bild, was tatsächlich dem einer analogen Projektion in der Qualität in nichts nachsteht.

filmtogo.net: Aber dieses Grundprinzip von einer Lampe, die ein Bild auf die Leinwand wirft bleibt bestehen, oder?

Matthias Gossmann: Nicht ganz. Nach dem DIA-Prinzip, wie beim Analog-Film, kann man sich das so vorstellen: wir haben eine Lampe, dann haben wir das DIA, also den im Moment stehenden Film, projizieren da Licht durch, dann kommt die Optik und dann haben wir es auf der Bildwand. Bei der Digital-Projektion ist das mit einem DLP-Chip gelöst, also es wird ein Lichtstrahl auf einen Chip, der viele kleine Spiegel hat, projiziert. Jeder Spiegel ist hinterher ein Bildpunkt in einer Farbe und der reflektiert dann in den Lichtkanal, dann auf die Optik. Und da gibt es einen Hersteller, der diese Chips herstellt für die Kinos, der die dann eben auch nach einer bestimmten Norm beliefert. Und der sorgt dann eben auch dafür, dass man eine Auflösung hat, die so gut ist, dass man bei einer normalen Vergrößerung auf einer normalgroßen Leinwand, keine Bildpunkte mehr sieht. Das wäre bei DVD eben schon der Fall.

filmtogo.net: Man hört ja auch oft, dass jetzt demnächst Filme auf der Leinwand optisch so aussehen wie im Fernsehen. Also das die Auflösung so gut und so flüssig ist, dass es aussieht, wie bei Fernsehserien. Ist das eine berechtigte Angst, sieht das wirklich so aus?

Matthias Gossmann: Also das Bild hat einen anderen Charakter, das muss einem klar sein. Das was man vom Kino kennt, dass das Bild vielleicht auch ein bisschen flimmert und dass es vielleicht auch mal unscharf ist und dass der Bildstand nicht optimal ist, das heißt, dass sich das Bild vielleicht auch mal ein bisschen bewegt in der Vertikalen, das wird es in Zukunft nicht mehr geben. Und dann kann man sagen: “Das ist ja gar nicht mehr Kino, das sieht ja überhaupt nicht mehr gut aus.” Andererseits haben wir alle uns inzwischen fast dran gewöhnt, dass wir zu Hause nicht einen Röhrenfernseher haben, sondern einen LCD- oder einen Plasmafernseher. Und auch der hat eine andere Bildcharakteristik als der Röhrenfernseher. Es gibt die Fans die sagen: „Nein, es muss ein weiches Röhrenbild sein.“ Inzwischen haben sich aber die meisten daran gewöhnt. Und ich – also das ist ein subjektives Einschätzen – würde sagen, das Bild, was von einer guten digitalen Projektion gemacht wird, ist tatsächlich besser, als das bestmögliche 35mm Bild. Es gibt keine Unschärfe, es gibt nicht die Möglichkeit menschliches Versagen – zumindest bei dem Punkt Schärfe – einfließen zu lassen. Denn entweder die Optik ist dann scharf eingestellt auf die Bildwand oder eben nicht, und wenn die einmal scharf eingestellt ist, dann wird auch scharf abgebildet. Hingegen geht es bei einem 35mm Film darum, wie dick ist der Polyester-Film? Wenn der ein bisschen eine andere Dicke hat, haben wir sofort eine Unschärfe und aus der Praxis wissen wir, dass da nicht Non-Stopp ein Filmvorführer in der Kabine hinten drin sitzt und die Schärfe nachzieht, je nachdem welcher Akt gerade durchläuft und ob es noch scharf ist oder nicht mehr. Sondern da läuft ein Film und der Vorführer legt inzwischen woanders ein. Und ich denke in dem Bereich können wir uns, oder kann sich das Publikum, da gehöre ich ja genauso zu, eigentlich drauf freuen, dass die Qualität besser wird. Was diese Bildanmutung angeht, da behaupte ich mal, im Multiplex können von 150 Leuten, die eine digitale Projektion sehen, nur acht sagen, was sie da grade sehen.

Den nächsten Teil des Interviews gibt es am Sonntag, den 23. September zu lesen. Darin wird über die Qualität der digitalen Technik gesprochen. Der Qualität gegenüber den analogen Prozessen, aber auch gegenüber den modernen Heimanlagen.

Das Interview führte Sarah Peters.

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