Filmkritik

“Cold Blood” von Stefan Ruzowitzky

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© STUDIOCANAL GmbH Filmverleih / Eric Bana ist in der eisigen Hölle Michigans unterwegs

Eric Bana muss in „Cold Blood“, dem neuen Film des österreichischen Regisseur Stefan Ruzowitzkys („Anatomie“, „Die Fälscher“) wahrlich eine Menge über sich ergehen lassen: Erst überschlägt sich das Auto in dem er sitzt, dann wird ihm ein Finger abgeschnitten und auch noch in den Fuß geschossen. Das steht man nur durch, wenn man Olivia Wilde zur Filmschwester hat, auch wenn sich deren Wege schon zu Beginn dieses Thrillers trennen. Familie wird hier großgeschrieben, ausgerechnet an Thanksgiving, wo die Liebsten beieinander sein sollen, sind sich die Familien in Ruzowitzkys Film äußerst fern, rein emotional gesehen: Blut soll zwar dicker sein als Wasser, aber wenn dieses gefroren ist, scheint die Lage schon wieder etwas anders auszusehen.

Eric Bana spielt Addison, der mit seiner Schwester Liza (Wilde) nach einem Casino-Überfall auf der Flucht im verschneiten Nirgendwo in Michigan strandet. Sie beschließen sich mitten in einem Blizzard zu trennen, wo Liza dann von Jay (Charlie Hunnam) aufgegabelt wird. Dieser wurde gerade erst aus dem Gefängnis entlassen, was seine Mutter (Sissy Spacek) freut, wie sie ihm am Telefon mitteilt, während sein Vater (Kris Kristofferson) sich eher bedeckt hält. Addison schlägt sich derweil zu Fuß durch die Wälder, hinterlässt eine radikal blutige Spur, zeigt sich als unberechenbare und gewaltbereite Person. Schon bald wird die Polizei auf ihn Aufmerksam. Sheriff Becker (Treat Williams) und seine Tochter (Kate Mara), ebenfalls im Polizeidienst, gehen auf die Jagd nach diesem Killer. Und irgendwann laufen alle Stricke zusammen, die Väter und ihre Töchter, ihre Söhne, sie alle treffen sich bei Jays Eltern, die nichtsahnend das Thanksgiving-Mahl zubereiten.

Jay (Charlie Hunnam) mit Liza (Olivia Wilde)

Ruzowitzky braucht unglaublich Lange bis er zum eigentlichen Punkt seiner Geschichte kommt. Immer wieder lässt er nur vereinzelte Versatzstücke seiner Tiefgründigkeit zum Vorschein kommen. Die Figuren irren durch das kalte Michigan, ohne dass der Zuschauer weiß, mit wem er da denn nun Mitleid haben muss und wer derweil der Bösewicht der Geschichte sein soll. Aber erst einmal am Ende angekommen, wenn die Figuren am Esstisch versammelt worden sind, dann entfaltet sich ein illustres Spiel. Gerne hätte man die sieben Protagonisten von Beginn an in dieser Situation erlebt, ein solches Kammerspiel wäre grandios geworden. So allerdings müht sich die Handlung durch einige Minuten, bevor sie wirklich interessant wird. Vor allem das Geschwisterpaar wirkt dabei recht dubios, das Drehbuch von Debütant Zach Dean ist keine Stärke dieses Films, zu willkürlich scheinen die Personen zum Ende hingeleitet zu werden, zu abgedroschen erscheint mancher Dialog.

Unter der Oberfläche entdeckt man dann aber die wahren Motive: Das Geschwisterpaar mit ihrem herrischen Vater, der in ihren frühen Kindheitstagen aus anfänglich unerwähnten Gründen das zeitliche segnete. Er war ein Trinker und Säufer, hat die Kinder terrorisiert, ein wahrer Teufel – kein Wunder das aus den Sprösslingen zwei Casinoräuber geworden sind, aus Addison sogar ein sehr mordbereiter Killer. Nicht immer muss ein
Casinoraub auch Morde mit sich bringen, man braucht nur Glück. Hier ist es aber nicht der Fall. Dann ist da noch der ehemalige Boxer Jay, in den sich Liza verlieben wird. Er ist in einen Wettskandal verstrickt, hat seine Zeit im Gefängnis abgesessen und schlägt nun ausgerechnet seinen Trainer tot zu Boden. Ein Unfall, ungewollt, dennoch geht Jay natürlich auf die Flucht, während seiner Bewährungszeit war das nicht unbedingt eine Glanzleistung. Sein Vater ist enttäuscht von ihm, ebenso wie er sich für sich selbst schämt. Der Fehler wurde gemacht, er ist ein einsichtiger Mensch, nur um mit dem Vater zu sprechen, da fehlt ihm der Mut. Und zu guter Letzt ist da noch Hanna, Hilfssheriff ihres Vaters, der sie nicht auf dieser Position akzeptieren mag. Sie ist eine Frau, sie gehört hier nicht her, sie darf den Schreibtischmüll beseitigen, nicht aber mit auf gefährliche Einsätze gehen. Ihr Vater lässt es sie mehr als deutlich wissen, dass hinter diesem Verhalten keine Sorge steckt, sondern bloße Vorurteile – ihm ist sogar egal, dass seine Tochter eine FBI Ausbildung angeboten bekommt, dafür vergießt er Tränen bei dem Tod seines hoffnungsvollsten Mitarbeiters, natürlich männlicher Natur.

Kate Mara als Deputy Sheriff Hanna Becker

Die Vater-Kind Problematik, eine jede Figur in „Cold Blood“ hat sie durchlebt, wird sie noch durchleben. Selbst die Familie, die einsam in einer Holzhütte haust, die von Addison heimgesucht wird, plagt sich gerade mit Vater/Ehemann-Stress herum. Die Männerwelt kommt bei Ruzowitzky in diesem Fall wenig gut davon. Eric Banas Addison wiederum übernimmt hier eine Doppelrolle: Probleme mit dem eigenen Vater liegen in der Vergangenheit, nun ist er aber der Schutzpatron seiner Schwester, hat aber ein ebenso herrisches Verhalten entwickelt, obgleich er sich für familiäre Werte stark macht, bei der Familie in der Holzhütte, die er kurzerhand von dem Störfaktor befreit, wie auch beim Thanksgiving Essen. „Du kannst mich als eine Art Engel sehen“, sagt er zu einem kleinen Mädchen. Und irgendwie hat er damit recht. Ein brutaler Engel zwar, der aber für all die anderen Personen eine gute Tat vollbringt: Die Polizistin kann sich gegenüber ihrem Vater behaupten, der Boxer spricht sich mit seinem Vater aus, seine Schwester lernt sich gegenüber ihrem Bruder zu behaupten. Ohne diesen Engel wäre das alles niemals möglich gewesen.

Dennoch mag man nicht zu viel Lob aussprechen. Bis es zu all diesen Entfaltungen kommt, ist der Film bereits dem Ende nahe, so stark dieses auch inszeniert sein mag, rettet es nicht über ein fast schon katastrophal zu nennendes Drehbuch hinweg: Fernab von den bereits erwähnten Dialogen, die nicht immer einer nachvollziehbaren Logik folgen, legt der Film sehr viel Wert auf seine drastischen Momente. Hier spritzt Blut, dort fliegt ein Finger, da rammt sich ein Stacheldraht in den Hals eines Mannes, mit einer Schrotflinte werden Polizisten durchlöchert. Das wäre doch alles gar nicht nötig gewesen, wo die Stärke von „Cold Blood“ doch dann ausgerechnet am ruhigen Thanksgiving-Tisch liegt, dort wo alle aufstehen müssen um „Danke“ zu sagen, woraufhin sich das nicht ganz alltägliche Festtagschaos manifestiert.

Denis Sasse

“Cold Blood – Kein Ausweg, keine Gnade“

Originaltitel: Deadfall
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA / F, 2012
Länge: ca. 94 Minuten
Regie: Stefan Ruzowitzky
Darsteller: Eric Bana, Olivia Wilde, Charlie Hunnam, Sissy Spacek, Kris Kristofferson, Kate Mara, Treat Williams

Deutschlandstart: 22. November 2012
Offizielle Homepage: coldblood.studiocanal.de

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