Filmkritik

“Dark Shadows” von Tim Burton

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© Warner Bros. / Helena Bonham Carter, Chloe Moretz, Eva Green, Gully McGrath, Bella Heathcote, Johnny Depp, Ray Shirley, Jackie Earle Haley, Jonny Lee Miller & Michelle Pfeiffer (von links nach rechts) in "Dark Shadows"

Ein mit Nebelschwaden umschlossenes Schiff an einem Hafen am Ende des 18. Jahrhunderts. Langsam fährt die Kamera über das Deck des gruselig märchenhaft inszenierten Bildes. Der Zuschauer erwartet nun entweder das Auftauchen von Captain Jack Sparrow oder Sweeney Todd, dem teuflischen Barbier aus der Fleet Street, der 2007 ebenfalls über ein Schiff seinen Weg nach London fand. Zumindest beim letztgenannten Film arbeiteten Regisseur Tim Burton und Schauspieler Johnny Depp zum wiederholten Mal zusammen. Die Szenerien ähneln sich immer wieder: Ein verschroben, merkwürdiger Außenseiter wird mit einer fremden Welt in Kontakt gebracht. Zumeist ist es Johnny Depp, der mit Scherenhänden („Edward mit den Scherenhänden“), Lupenbrille („Sleepy Hollow“) oder Rasiermesser („Sweeney Todd“) den Idealtypus für einen Burton-Film verkörpert. Dann wären da noch Burton-Ehefrau Helena Bonham Carter und Komponist Danny Elfman um die Filmfamilie komplett zu machen. Und auch für „Dark Shadows“, der Adaption einer 60er Jahre Fernsehserie, die als früher Bestreiter der Mystery-Begeisterung gilt, sind all diese Publikumslieblinge wieder zusammen gekommen. Es fehlt nur die düstere Märchenwelt, die einer hippen 70er Jahre Sex, Drugs & Rock ‘n‘ Roll-Attitüde weichen musste – sehr zum Leidwesen des Films.

Dabei beginnt alles im noch atmosphärischen Jahr 1750, wo die Collins Familie von England aus in See sticht, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Hier baut sich die Familie ein Fischerei-Imperium auf und Sohnemann Barnabas Collins (Johnny Depp) verfügt zwei Jahrzehnte später über Reichtum und Ansehen. Aber der unverbesserliche Frauenheld verliebt sich ausgerechnet in die schöne Josette (Bella Heathcote) und bricht damit Angelique (Eva Green) das Herz. Diese stellt sich als Hexe heraus, verflucht den jungen Mann und verwandelt ihn in einen Vampir, der lebendig begraben für seinen Verrat zahlen soll. Erst zwei Jahrhunderte später wird Barnabas durch Zufall aus seiner Gruft befreit und in die Welt des Jahres 1972 entlassen. Als er in sein altes Anwesen zurückkehrt, findet er nur noch die Ruinen des einst prachtvollen Anwesens vor. Auch seinen Nachfahren geht es nicht besser, die Familie wird nur von der Matriarchin Elizabeth Collins (Michelle Pfeiffer) zusammen gehalten. Ihr vertraut Barnabas an, wer er tatsächlich ist. Aber schon bald zieht sein merkwürdiges Verhalten auch die Neugier der versoffenen Hauspsychiaterin (Helena Bonham Carter) auf sich. Trotzdem verliert der Vampir dadurch nicht sein eigentliches Ziel aus den Augen: Er will den Familiennamen wieder zu seinem ursprünglichen Glanz verhelfen und die Hexe, die auch 200 Jahre später noch unter den Dorfbewohnern weilt, endlich loswerden.

Johnny Depp & Michelle Pfeiffer

Und auch Tim Burton hätte seine Hexe ab und an mal loswerden sollen, ebenso wie den Vampir Barnabas. Man merkt deutlich, welche Figuren der Regisseur bevorzugt. Wieder steht Johnny Depp ganz im Mittelpunkt, bekommt mit Eva Green eine starke Gegnerin entgegen gestellt und Helena Bonham Carter absolviert den üblichen Nebenauftritt. Was sonst eine sichere Erfolgsformel ist, versackt hier aufgrund eines ganzen Ensembles, das gerne mehr zu tun bekommen hätte. So reihen sich unfertige Handlungsstränge und nicht zu Ende geführte Ideen aneinander, die eher unter der starken Depp/Green-Fokussierung leiden als von ihr zu profitieren. Michelle Pfeiffer gibt die starke Hausherrin, Tochter Chloe Moretz die unausstehliche Göre, deren Pubertät etwas anders abläuft als bei anderen Mädchen, Jackie Earle Haley ist der trinkende Tunichtgut im Kürbisbeet und Jonny Lee Miller der diebische Rabenvater – auf dem Papier sicherlich alles höchst detailliert ausgearbeitete Figuren, im Film aber gönnt man ihnen nur wenig Zeit sich zu entfalten. Allenfalls die Newcomerin Bella Heathcote („In Time“) bekommt durch kleine Rückblenden eine tiefere Story zugesprochen, die jedoch auch nicht so weit thematisiert wird, als dass man die Gouvernante von David Collins als ebenso relevante Figur ansehen dürfte wie Barnabas. Nun könnte man argumentieren, dass Tim Burton stets Spaß daran hatte Johnny Depp zu inszenieren. Dann aber wird hierfür in „Dark Shadows“ zu oft die „Blut ist dicker als Wasser“-Karte ausgespielt. Familiär soll das Filmchen wirken, Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl vermittelt werden – ganz allein durch Johnny Depp, das ist der Fehler. Tim Burton hätte sich nur aus dem vertrauten Terrain einer One-Man-Show hinaus bewegen und sein Ensemble einsetzen müssen, dann hätte er eine interessante Geschichte erschaffen können.

Hier aber spart er sich den Einsatz seiner Figuren bis zum Ende auf. Das Finale rutscht dann wieder zurück in die kuriose Phantastik, für die Burton bekannt ist. Vorher vermisst man ein wenig die düster, morbide Stimmung, die auch der Collins-Familie gut getan hätte. Stattdessen verliert sich der Regisseur nicht in seinen eigenen Bildern, sondern in solchen, wie sie offenbar schon in „Alice im Wunderland“ durch die Einmischung des Disney-Konzerns entstanden sind. Ein wenig zu bunt um ein echter „Burton“ zu sein. Nur der seltene Ausbruch aus den hippen 70er Jahren, dann wenn sich die leidvolle ménage à trois um Barnabas, Hexe Angelique und Gouvernante Josette an einer stürmischen Klippe mit einem merkwürdig verformten Baum aufhalten, lässt das Bilderbuch-Märchen wieder aufleben.

Eva Green

In diesem Märchen, wäre es denn eins geworden, hätte Eva Green als Angelique hervorragend hinein gepasst, ihre Figur fügt sich noch am ehesten in die vergangenen Welten des Tim Burton ein. Bereits in „Der goldene Kompass“ funktionierte die französische Schauspielerin hervorragend in der Rolle der guten Hexe Serafina Pekkala, ihre Darstellung der bösen Hexe bewegt sich qualitativ noch weit über diesem Auftritt aus dem Jahre 2007. Sie ist Burtons Kommentar zum Model-Wahn, ein Porzellanpüppchen, eine Furie und Zicke, die ihren Willen mit aller Macht durchsetzen möchte. Und davon hat sie ein wenig mehr als die herkömmliche „Next Topmodel“-Teilnehmerin. Green spielt wunderbar das seelenlose, von Rache besessene Wesen, das äußerlich zwar hübsch erscheint, ein Blick hinter die Fassade aber wörtlich Risse in ihr Auftreten reißt und einen Blick in die innerlich verkümmerte Frau zulässt. Fast schon möchte man so weit gehen zu sagen, dass Eva Green hier sogar Johnny Depp die Show stiehlt.

„Dark Shadows“ ist nicht der beste Tim Burton-Film, vielleicht sogar die bisher enttäuschendste Zusammenarbeit des Regisseurs mit seiner Stammbesetzung. Sicherlich sind hier und da typische Burton-Momente versteckt, Bilder und Humor, wie wir sie kennen. Besondere Momente entstehen genau dann, wenn überspitzte Dialoge wie aus einer Soap Opera, wie die Serienvorlage auch eine ist, entnommen scheinen. Dann geht es um dramatisch aufgebauschte Enthüllungen, ums Fremdgehen, um ein banales Miteinander, welches durch surreale Reaktionen zur Komik getrieben wird. Davon gibt es allerdings viel zu wenig. Tim Burton hatte offenbar viel vor mit „Dark Shadows“, hat aber nur die Hälfte hinbekommen.

Denis Sasse

‘Dark Shadows‘

Originaltitel: Dark Shadows
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 113 Minuten
Regie: Tim Burton
Darsteller: Johny Depp, Eva Green, Michelle Pfeiffer, Helena Bonham Carter, Jackie Earle Haley, Jonny Lee Miller, Bella Heathcote, Chloe Moretz, Christopher Lee, Alice Cooper

Deutschlandstart: 10. Mai 2012
Offizielle Homepage: warnerbros.de/darkshadows

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