Filmkritik

“Dallas Buyers Club” von Jean-Marc Vallée

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Jared Leto als Transexueller Rayon (links) und Matthew McConaughey als Homophober Ron Woodroof (rechts) in Dallas Buyers Club

Jared Leto als Transexueller Rayon (links) und Matthew McConaughey als Homophober Ron Woodroof (rechts) in Dallas Buyers Club

Er ist ein richtiger Mann, ein Stier von einem Kerl. Das beweisen die ersten Bilder vom Dallas Buyers Club, dem neuen Film des kanadischen Filmemachers Jean-Marc Vallée. Matthew McConaughey spielt Ron Woodroof, einen Mann den es wirklich gegeben hat. Seine ganze Männlichkeit, sein Macho-Dasein in den 80er Jahren, manifestiert sich hier in irgendeinem stillen Stallraum, in dem Woodroof während eines Stierkampfes (männlich!) gleich zwei Frauen auf einmal (männlich) „nimmt“. Seine Kumpels sind ähnlich gestrickt, mit dazugehöriger Homophobie. Auf einen Zeitungsartikel über die HIV-Diagnose des Schauspielers Rock Hudson reagieren sie mit den Worten „Cocksucker“ – „Schwanzlutscher“. Es sind Zeiten, in denen selbst die Ärzte das HIV-Virus noch für eine Krankheit halten, die durch homosexuelle Aktivitäten verbreitet wird.

Dann trifft es diesen durch und durch heterosexuellen Cowboy aber selbst. Dass er so dünn und abgemagert ist, führt er auf seinen enormen Zigarettenkonsum, ein wenig auch auf die ewige Trinkerei zurück. Als er dann jedoch zusammen bricht und im Krankenhaus landet, diagnostizieren ihm die Ärzte AIDS. Ron Woodroof habe noch 30 Tage zu leben, mehr sei nicht drin, so heißt es. Es ist 1985 und das einzig legale Mittel bekommt er von seiner behandelnden Ärztin Dr. Eve Saks (Jennifer Garner) verschrieben, das ihm jedoch noch mehr zusetzt. Der homophobe Texaner begibt sich eigenständig auf die Suche nach einem Mittel gegen seine Krankheit und wird in Mexiko fündig. Doch die Arznei ist in den USA verboten. Woodroof schnuppert zuerst ein lukratives Geschäft, weicht aber durch die Geschäftspartnerschaft und immer mehr zur Freundschaft werdenden Beziehung zu dem homosexuellen Rayon (Jared Leto) auch immer mehr auf. Die Homophobie weicht der Akzeptanz mit der Gründung des Dallas Buyers Clubs, durch dessen kostenpflichtige Mitgliedschaft man unbegrenzten Zugang zu den Medikamenten bekommt, die Woodroof ins Land schmuggeln muss.

Matthew McConaughey in Dallas Buyers Club

Matthew McConaughey in Dallas Buyers Club

Man fragt sich schon weshalb Matthew McConaughey erst jetzt der Ruf des Charakterdarstellers nacheilt, wo er doch schon seit 2011 an diesem Image arbeitet: Killer Joe, danach The Paperboy und Mud, selbst Magic Mike von Steven Soderbergh lässt den ehemaligen Romantic-Comedy Typen in einem anderen Glanz erscheinen. Vielleicht sind der Dallas Buyers Club und zeitgleich sein Engagement an der Seite von Woody Harrelson in der HBO Serie True Detective einfach zu viel auf einmal, als dass die Amis noch an ihm vorbei schauen könnten. Das wird auch dringend nötig, denn was McConaughey hier abliefert ist Schauspielkunst par excellence. Er spielt sich vom homophoben Texaner, der seine Zeit mit Rauschmittelkonsum und Sexspielchen vergeudet, zum Verfechter zumindest seines homosexuellen Kumpels Rayon, wird dabei zum ehrlichen Helfer, der die AIDS-Krankheit zu bekämpfen versucht – nicht nur bei sich selbst, sondern eben auch bei anderen Menschen. McConaughey durchlebt die Gefühlswelten der Ausgrenzung, wenn seine ehemaligen Cowboy-Kumpel ihn ebenso als „Faggot“, als „Schwuchtel“ beschimpfen wie seine Leidensgenossen. Damit sprechen sie ihm zugleich all seine Männlichkeit ab, alles was er bis zu diesem Zeitpunkt sein eigen nennen konnte.

Matthew McConaughey, oftmals mit gut trainierten Körper als Frauenschwarm aktiv, hat sich für seine Rolle auf magere 52 Kilo herunter gehungert, um hierdurch nicht nur den Verfall des Körpers durch die Krankheit, sondern auch visuell die Zerbrechlichkeit und Verzweiflung seiner Lage darzustellen. Es ist einfach ein faszinierendes Bild von einem Mann und seinem Wandel, dem der Zuschauer hier folgen darf. Nicht minder interessant kommt Jared Leto daher, als Frau im Manne – denn nicht nur freundet sich Ron mit einem Homosexuellen an, sondern mit einem Transexuellen, die volle Ladung entgegen seiner Welteinstellung. Aber die nette freundliche Art, grandios von Leto gespielt, entwaffnet den Cowboy, bricht den harten Kerl und lässt ihn gar einen Beschützerinstinkt entwickeln.

Jennifer Garner als Dr. Eve Saks

Jennifer Garner als Dr. Eve Saks

Kritik gab es von anderer Seite: Es wird beklagt, dass es ausgerechnet dieser eine heterosexuelle Cowboy ist, der im Dallas Buyers Club offenbar die Homosexuellen errettet, als hätten sie dies nicht selbst machen können. Ein wenig Recht muss man diesen Worten zusprechen, denn Ron Woodroof ist ein Einzelschicksal, dass hier von Hollywood herausgepickt und natürlich entsprechend filmisch dramaturgisch verarbeitet wurde. Aber zugleich ist er nun einmal der Initiator des Dallas Buyers Club und steht zumindest an dieser Stelle im Zentrum der Erzählung. Viel eher dürften sich die Ärzte dieser Zeit beschweren, die im Film fast dämonisiert werden, als wollen sie gar kein Heilmittel, keine Lösung finden. Die Darstellung legt fast nahe, dass hier abgeschottet wird, eine minder gut funktionierende Arznei als einzige Hilfe betrachtet wird, ohne nach weiteren Möglichkeiten forschen zu wollen.

Ron Woodroof sollten mit eben diesem Medikament 30 Tage bis zu seinem Tod durch die Krankheit bleiben. Durch seine eigenen Bemühungen hat er es bis zum Tag 2557 geschafft. Am 12. September 1992 erlag er seiner Krankheit. Kritik aus der realen Welt am Dallas Buyers Club möchte man nicht zulassen, zu gut und sehenswert bewegen sich Matthew McConaughey und Jared Leto durch ihre Rollen, als dass man von einer solch historisch filmischen Aufarbeitung abraten wollen würde.


Dallas Buyers Club_Poster“Dallas Buyers Club”

Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2013
Länge: ca. 117 Minuten
Regie: Jean-Marc Vallée
Darsteller: Matthew McConaughey, Jared Leto, Jennifer Garner, Denis O’Hare, Steve Zahn

Kinostart: 6. Februar 2014
Im Netz: dallasbuyersclub.de


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