© Tobis Film GmbH & Co. KG / Michael Peña (links) als Officer Mike Zavala und Jake Gyllenhaal (rechts) als Officer Brian Taylor in David Ayers “End of Watch”

Es hat Drehbuchschreiber und Regisseur David Ayer gerade einmal sechs Tage seines Lebens gekostet, dann war die Skriptvorlage zu seinem Cop-Drama „End of Watch“ fertig geschrieben. Das soll nicht etwa heißen, dass der Film mit Jake Gyllenhaal und Michael Peña in den Hauptrollen, ein dahin gewurschteltes 08/15-Werk ist, sondern nur, dass der Mann, der auch die Drehbuchvorlagen zu Filmen wie „Training Day“ und „S.W.A.T.“ abgeliefert hat, sich in diesem Metier auskennt. Offenbar ganz im Gegenteil zu Gyllenhaal und Peña, die für ihre Rollen ein fünf Monate langes Training auf sich nehmen mussten, bei dem sie die Newton Division des Los Angeles Police Departments begleiteten. Bis zu drei Mal die Woche zwölf Stunden lange Schichten – kein Wunder das die beiden in „End of Watch“ so wahrhaftig wirken. Der Titel des Films, ein Euphemismus der auf einen im Dienst getöteten Officer hinweist, stellt sich dann auch als ständiger Begleiter für die beiden Officers Brian Taylor (Gyllenhaal) und Mike Zavala (Peña) dar, die ihr Umfeld immer mit einer Handkamera mitzufilmen versuchen.

Die beiden sind Streifen-Cops im gefährlichsten Pflaster von South Central Los Angeles. Hier herrschen Bandenkriege, Verfolgungsjagten und Schießereien, dass alles ist der ganz normale Alltag. Jede neue Schicht könnte auch den Tod bedeuten, ob man nun selbst Zielscheibe ist oder einfach nur zwischen die Fronten gerät. Aber Taylor und Zavala sind ein eingespieltes Team, kennen ihr Terrain und wissen wie sie sich zu verhalten haben um ihren Dienst auszuüben und es sich nicht mit ihrem Bezirk zu verscherzen. Eher durch Zufall nehmen die beiden einen Drogenkurier fest, heben ein größeres Depot aus und kommen damit gänzlich unbeabsichtigt einem mexikanischen Drogenkartell in die Quere. Die Drogenbosse wollen die beiden Polizisten so schnell wie möglich eliminiert sehen.

Michael Peña und Jake Gyllenhaal im Einsatz

Dafür stellt das Drogenkartell auch so einiges an. Der Zuschauer erlebt das Geschehen durch die verwackelte, dennoch aber nachvollziehbare Handkamera von Officer Taylor, der ganz nebenbei auch ein Studium des Films angefangen hat. Man sieht ihn jedoch nie in der Uni, kein Wunder, hat er doch alle Hände voll damit zu tun, das harte Leben auf der Straße zu überstehen und zugleich auch noch das private Glück mit seiner Neubekanntschaft Janet, wenige Auftritte für Anna Kendrick, zu finden. Als nicht täglicher Passant der Straßen von L.A. mag man sich zuerst einmal darüber wundern, dass sich „End of Watch“ mit seiner Found-Footage-Optik einer realitätsnahen Situationswiedergabe hingibt, die dann offenbar aus täglichen Schießereien, Toten, verwesten Leichen, Menschen- und Drogenhandel oder Waffenschiebereien besteht. David Ayer hat mit seinem Drehbuch dafür gesorgt, dass seine beiden Protagonisten niemals einen Strafzettel verteilen müssen, was auch ein wenig langweilig wäre, sondern stattdessen mit Adrenalinschüben durch die Handlung gehetzt werden.

Durch dieses Bild von Los Angeles dürfte „End of Watch“ jeden Tourismusgedanken zu Nichte machen, kein schöner Urlaubsort, ganz sicher nicht. Die Bilder die sich hier zeigen, handeln von Gewalt und Korruption, selbst die vermeintlich guten Polizisten, haben ihre ganz eigenen Maschen und Vorgehensweisen um in dieser Gegend klar zu kommen. Während hier jeder seine eigene Taktik findet um den Alltag zu bestehen, werden die Polizeikräfte eingangs noch als großes Kollektiv von Brüdern und Schwestern definiert, die blind dem Gesetz folgen, dafür sorgen dass es befolgt wird ohne es zu hinterfragen. Der Off-Kommentar macht daraus eine Art Superheldengruppe, als Zuschauer fragt man sich derweil, ob dieser Gehorsam und die Folgsamkeit den Männern und Frauen im Polizeidienst wirklich gut tun. Das Ende zeigt dann, dass man hier wirklich berechtigte Zweifel haben darf. Das kümmert den Filmemacher und seine Figuren jedoch wenig, sie sind an dieser Stelle wieder füreinander da, die Brüder und Schwestern, die große Familie, das ist was zählt. Und wenn aus dieser Familie einmal jemand den Dienst quittiert, wird überschwänglicher Patriotismus an den Tag gelegt wie er fieser und gemeiner kaum ausgelebt werden könnte. Eine junge Polizistin wird fast zu Tode geprügelt, drückt daraufhin ihrem Vorgesetzten die Polizeimarke in die Hände, verlässt die Polizei von Los Angeles mit ihren Kollegen im Nacken, die guten Jungs und Mädels von „End of Watch“, die über sie lästern, sie sei sowieso nicht stark genug gewesen, ihre Schwäche wird müde belächelt.

Anna Kendrick

Praktisch für diese Erzählung ist zudem, dass nicht nur Gyllenhaal immer eine Kamera mit an der Hand hat, sondern auch sämtliche Gangster und Gangs die sich in Los Angeles tummeln. Offenbar besuchen sie alle dieselbe Filmhochschule, nehmen ihre Taten auf Handkameras und Handys auf, nicht dass das später als Beweismaterial gegen sie verwendet werden könnte, man lebt inzwischen eben in einer Zeit der ständigen Dokumentation. Während bei Gyllenhalls Figur immerhin noch eine Erklärung geliefert wird, nimmt man es bei den bösen Buben als gegeben hin, verliert kein Wort darüber wieso hier jetzt unbedingt eine Schlägerei oder Schießerei aus einem fahrenden Wagen heraus gefilmt werden muss. Und der Satz „Mach das Scheiß-Teil endlich aus“, in Bezug auf die immer laufende Kamera, verkommt hier so langsam zur Genre-Floskel.

Vielleicht erschließen sich die Zusammenhänge auch nur, wenn man nicht gerade mit der grünen Förstergruppe Deutschlands aufgewachsen ist, die noch nett und freundlich um Erlaubnis bitten, bevor sie jemandem die Handschellen anlegen. In „End of Watch“ geht es jedenfalls um Polizisten, die sich zeitgleich einen Ruf als „bad motherfuckers“ erarbeiten. Die Action stimmt, die Drogen behaftete Rahmenhandlung wird durch kleine Alltagsepisoden abgerundet, lediglich der Stil ist gewöhnungsbedürftig, wenn man sich stets fragen muss, wo gerade eigentlich die Kamera steht oder liegt – und fahren Polizisten wirklich mit einer Handkamera auf der Kühlerhaube, die auf sie selbst gerichtet ist, Streife?

Denis Sasse

“End of Watch“

Originaltitel: End of Watch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 109 Minuten
Regie: David Ayer
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Michael Peña, Natalie Martinez, Anna Kendrick, David Harbour, Frank Grillo, America Ferrera

Deutschlandstart: 20. Dezember 2012
Offizielle Homepage: endofwatchthefilm.com