Filmkritik

“Back in the Game” von Robert Lorenz

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© Warner Bros. Pictures Germany / Clint Eastwood in “Back in the Game”

Ob sich Papa und Mama Timberlake das wohl jemals haben träumen lassen? Als ihr kleiner Justin zur Welt kam, war Schauspieler Clint Eastwood bereits eine Filmlegende, hatte seinen ersten Auftritt als Inspector Harry Callahan in „Dirty Harry“ bereits zehn Jahre hinter sich gelassen. Jetzt sitzen die beiden gemeinsam an einer Theke, trinken Bier und unterhalten sich über Baseball. Das nennt sich dann „Back in the Game“ und ist Eastwoods erster Auftritt vor der Kamera seit dem 1993er „In the Line of Fire“, bei dem er nicht selbst auch Regie geführt hat. Und irgendwie wirkt es sehr persönlich: Es geht um Sport, es geht um das Altwerden, es geht um die Familie – man kann nur vermuten was Eastwood an dem Drehbuch von Debütant Randy Brown gereizt hat, aber es scheint sehr nah dran zu sein an seinem persönlichen Befinden.

Eastwood spielt Gus Lobel, einen Baseball-Talentsucher, der seit Jahrzehnten zu den Besten seines Fachs gehört. Allein anhand des Schlägergeräuschs kann er die Qualität eines Schlags beurteilen. Aber sein Alter lässt sich inzwischen nicht mehr verleugnen, seine Sehkraft schwindet, immer mehr wird er unfähig klare Beurteilungen zu treffen. Aber ausgerechnet jetzt stehen die Verhandlungen um den wohl besten Nachwuchs-Schlagmann der USA an. Ausgerechnet seine Tochter Mickey (Amy Adams) soll Gus nun zu Hilfe eilen. Die dynamische und ehrgeizige Anwältin steht kurz davor, in ihrer Kanzlei zur Partnerin aufzusteigen. Mickey hat sich mit ihrem Vater nie gut verstanden, nach dem Tod seiner Frau hat er als alleinerziehender Vater kläglich versagt. Nun sollen sie eine zweite Chance erhalten.

Amy Adams als Mickey, die Tochter von Baseball-Scout-Legende Gus (Clint Eastwood)

Und hier ist es auch, wo „Back in the Game“ seinen größten Wert entfaltet, die Beziehung zwischen Vater und Tochter, dieses angespannte Spiel – als sei es selbst eine Partie Baseball – zwischen Clint Eastwood und Amy Adams, die zu Beginn die zwei Seiten einer Medaille verkörpern: Den leidenschaftlichen Baseball-Profi, der on the Road lebt, kaum Zeit für seine Tochter hatte, dem Sport immer weitaus mehr Aufmerksamkeit hat zukommen lassen. Und die Business-Frau, die Tochter, die ihre Karriere am Schreibtisch macht, dort immer weiter empor steigt, ohne wirklich Leidenschaft für ihren Beruf aufbringen zu können, eigentlich nur in ihrer Anwaltskanzlei sitzt um ihrem Vater einen Gefallen zu tun. Es ist der klassische Fall von zwei Menschen, die sich nahe sind, aber nie miteinander gesprochen haben. Die Verwicklungen die ihnen nun bevorstehen sollen aber dafür sorgen, dass sie gezwungenermaßen miteinander sprechen müssen, auch wenn dies nur sehr distanziert geschieht, bis der Ausbruch bevorsteht.

Aber erst darf Eastwood wieder seine missmutige Rolle annehmen, die er schon in „Gran Torino“ zur Perfektion ausgelebt hat. Nur wurde hier die Schrotflinte gegen den Baseball-Schläger ausgetauscht. Grantig begegnet er jeder weiteren Figur, seine Tochter wird nur beiläufig beim gemeinsamen Essen abgespeist, bei dem seine Konzentration viel mehr einem laufenden Baseball-Spiel gilt, seinem besten Kumpel Pete (John Goodman) begegnet er mit zynischer Skepsis, als dieser von dem Konkurrenten Sanderson (Matthew Lillard) berichtet, der zukünftige Spieler mit seinem Computer analysiert. Was also in „Moneyball“ durch Brad Pitt und Jonah Hill noch als ruhmreiche Fortentwicklung der Spielersuche propagiert wurde, wird hier zum hinterhältigen Antagonisten gemacht.

Amy Adams mit Justin Timberlake

Aber all das geschieht nur am Rande, kann als Analogie auf die Probleme gesehen werden, die Gus Lobel wirklich plagen. Die emotionslose, kalte Analyse von Spieler-Entwicklungen gleicht seiner Beziehung zu seiner Tochter, sein langsamer Sehverlust zeigt die Blindheit mit der er seiner Tochter all die Jahre über begegnet ist. Denn entgegen seinen Erwartungen ist seine Mickey alles andere als eine Anwaltstussi, sondern eine ebenso leidenschaftliche Baseball-Begeisterte wie er selbst. Sie hat in der wenigen Zeit, die sie in ihrer frühen Kindheit mit ihrem Vater verbringen durfte alles aufgeschnappt, hat sich Wissen angeeignet und hat mit dem Erlernen der Kunst noch nicht abgeschlossen. Amy Adams spielt hier einen glaubwürdigen Eastwood-Zögling, zeigt sich vergleichbar stur und streitsüchtig, als würden hier wahrlich Vater und Tochter aufeinander prallen. Etwas zahm wirkt dagegen ihr Love Interest Justin Timberlake, der als Randfigur in Erscheinung treten darf. Sein Johnny ist das Paradebeispiel eines verheizten Spielers, einst erfolgreich und erfolgsversprechend, wurde er unter falschen Einsatz der Bürofuzzis zum spieluntauglichen Baseball-Invaliden gemacht. Jetzt geht er dem gleichen Beruf wie Gus nach, hält Ausschau nach neuen Talenten, ebenso wie nach einer großen Karriere als Sportmoderator.

In „Back in the Game“ wird man derweil vergeblich nach dem „großen“ Eastwood Ausschau halten. Der Film ist eine Liebeserklärung an das Baseballspiel von anno dazumal, er ist eine Verteufelung des Älterwerdens, aber auch eine aussichtsreiche Weiterreichung an die nächste Generation. Vielleicht spielt auch deshalb Sohnemann Scott Eastwood den Baseballer, der von Alt-Eastwood, Timberlake und Adams den ganzen Film über in den Fokus genommen wird.

Denis Sasse

“Back in the Game“

Originaltitel: Trouble with the Curve
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 111 Minuten
Regie: Robert Lorenz
Darsteller: Clint Eastwood, Amy Adams, Justin Timberlake, Matthew Lillard, Robert Patrick, John Goodman, Scott Eastwood

Deutschlandstart: 29. November 2012
Offizielle Homepage: warnerbros.de/troublewiththecurve

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