Filmkritik

“Zeit zu leben” von Alex Kurtzman

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© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH / Chris Pine in “Zeit zu leben” von Alex Kurtzman

Alex Kurtzman und Roberto Orci sind zwei dieser Drehbuchautoren in Hollywood, deren Namen nicht gänzlich unter den Tisch fallen, wenn man Diskussionen über eine Filmhandlung beginnt. Ähnlich wie der für „The Social Network“ mit einem Oscar ausgezeichnete Aaron Sorkin, der durch Fernsehserien wie „The West Wing“ (die Serie hat durch die US-politische Thematik hauptsächlich auch nur in den Staaten die nötigen Einschaltquoten erhalten) und aktuell „The Newsroom“ einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat, steht das Duo Kurtzman und Orci im filmischen Lande für qualitativ hochwertig durchdachte Storys. Mit Filmemacher J. J. Abrams arbeiteten sie nicht nur für dessen Agentenserie „Alias“ zusammen, sondern halfen ihm auch bei dem Neustart des „Star Trek“-Universums und „Mission: Impossible III“. Da mag man ihnen Ausrutscher wie die ersten beiden „Transformers“-Filme oder „Cowboys & Aliens“ verzeihen oder es einfach auf Michael Bay und Jon Favreau schieben, die jeweiligen Regisseure dieser Filme. Gemeinsam mit Jody Lambert haben die zwei nun auch die Geschichte zu „Zeit zu leben“ geschrieben, wieder die Feder geschwungen, sich durch wahre Begebenheiten inspirieren lassen. Zugleich ist es aber auch der Versuch von Kurtzman, selbst den Regieposten zu erobern.

Sein Hauptdarsteller ist dabei der aus „Star Trek“ bekannte Chris Pine, dort in der Rolle des aufstrebenden James T. Kirk zu sehen, hier als die Figur des Sam, der am eigenen Leib erfahren muss, dass ein Unglück selten allein kommt. Der Geschäftsmann, mitten in seinen Zwanzigern, erfährt am selben Tag von einem geplatzten Geschäftsdeal, der gravierende Wellen nach sich schlägt, wie auch vom Tod seines Vaters. Nur sehr widerwillig bricht er zum Haus seiner Eltern auf, will dort die letzten Angelegenheiten erledigen, sich des Testaments seines Vaters annehmen. Er trifft auf seine Mutter, von der er sich schon vor langer Zeit entfremdet hat, macht aber auch eine ganz andere Entdeckung, von der er ziemlich vor den Kopf gestoßen ist: Er hat noch eine dreißig Jahre alte Schwester namens Frankie (Elizabeth Banks), von derer Existenz er bis zu diesem Tage nichts wusste, ebenso wie einen Neffen – Josh (Michael Hall D’Addario) – ein ungezogener Bengel, ein Draufgänger und Problemkind.

Michelle Pfeiffer (links) mit Chris Pine (rechts)

Kurtzman weiß die Stärken seiner Darsteller gut miteinander zu kombinieren, weiß sie ebenso zu inszenieren und zeigt, dass er nicht nur als Drehbuchautor schöne Geschichten fabrizieren kann, sondern auch im Regiestuhl – sicherlich mit Rückendeckung seines Kollegen Orci – nicht vollends fehl am Platze erscheint. Mit Chris Pine hat er einen Darsteller gefunden, der die anfänglich surreal erscheinende Pechsträhne mit einem zwinkernden Auge, dennoch aber mit der entsprechenden Tragweite, spielen kann. Sam droht seinen Job zu verlieren, verstrickt sich in allerhand illegaler Vorgänge, die so von ihm nicht vorgesehen waren. Dann auch noch der Tod seines Vaters und ein Streit mit seiner Freundin, gespielt von Olivia Wilde, endlich einmal nicht mit Fokus auf ihr Aussehen, sondern als Familienfrau, die sich um das Wohlergehen ihres Zusammenseins mit Freund Sam sorgt, aber ebenso harte Konsequenzen ziehen kann. Dieser flieht aus seinem Alltag, möchte all dem Unglück entrinnen, fliegt nach Hause, obwohl er zuerst gar nicht will, landet dann aber doch in der Wonderland Avenue, wo seine Mutter lebt, wo Wunder noch möglich sind, obgleich auch zwischen Mutter und Sohn erst einmal eine erhebliche Befremdlichkeit besteht. Jahre lang hat sich der Sohnemann nicht blicken lassen, sich nicht um seine Eltern geschert. Wie gut, dass solche Filme die Möglichkeit einer zweiten Chance aufzeigen.

Michelle Pfeiffer, Schauspiel-Urgestein, spielt diese Mutter, am Rande der Verzweiflung zurückgezogen, kein Mann mehr im Haus, ein verschwiegenes Geheimnis, welches dem Sohn jahrelang vorenthalten wurde. Würde er in „Zeit zu leben“ nicht davon erfahren, wäre es wohl auch ewig so weitergegangen. Aber die Handlung sieht vor, dass die Personen, auch Elizabeth Banks, hier als Sams Schwester zu sehen, ihr Leben gefälligst auf die Reihe bekommen, Wahrheiten ausgesprochen werden, der Familienzustand wieder hergestellt wird. Denn Familie ist dass, was all den Menschen in diesem Film wirklich fehlt. Aber jetzt ist es Zeit zu leben, Zeit um sich um die Familie zu kümmern. Die Mutter, die sich alleingelassen fühlt, die Schwester, die ihren Sohn alleine aufziehen muss, der Sohn, der seine Probleme allein bewältigen muss. Anders erging es offenbar dem Vater, dessen Hinterlassenschaft Sam verwundert – er ist ja nun einmal auch in der Wonderland Avenue – hier findet er eine Wand voller Bilder aus dem Leben des ehemaligen Musikproduzenten, eine immens große Sammlung von Schallplatten, er findet ein offenbar schön geführtes Leben, ein Leben voller Liebe und Musik. Aber auch ein zwiegespaltenes Leben zwischen zwei Familien. Sam erfährt von einer Schwester, behält dieses Geheimnis aber zuerst für sich, konfrontiert hiermit weder seine Mutter noch die besagte Frankie, seine große Schwester. Diese hat selbst reichlich Probleme, geht zu regelmäßigen Alkoholiker-Treffen, muss ebenso regelmäßig in der Schule antanzen, weil ihr Sohn schon wieder etwas ausgefressen hat. Der Frau fehlt also ein Mann im Leben, Sam versteht das, nutzt die Chance um auch mit diesem Teil der Familie anzubandeln.

Michael Hall D’Addario (links) mit Elizabeth Banks (rechts)

Hier entsteht die zweite Problematik, Frankie denkt natürlich in ganz anderen Dimensionen, weiß nichts von ihrem Bruderglück und sieht nur den Mann, der sich um sie und ihren Sohn kümmert. Die Romanze kündigt sich auch für die Zuschauer frühzeitig an, bis die Situation eskaliert, trotzdem im Rahmen des Filmes recht ruhig bleibt, auch wenn man sich nicht den Zorn einer wütenden Elizabeth Banks auf sich laden möchte. Hier ist nun also Kurtzmans Geheimnis versteckt, er setzt auf das sich Wiederfinden, auf familiäre Werte. Schon in „Star Trek“ spielte die Familie eine große Rolle für ihn, zeigte er doch die Liebe zwischen George und Winona Kirk und die unschönen Ereignisse die zu der Geburt des später legendären Captain James Tiberius Kirk führten, auch in „Mission: Impossible III“ drohte Filmbösewicht Philip Seymour Hoffman die Ehefrau des Topagenten Ethan Hunt zu töten. In „Zeit zu leben“ nimmt Kurtzman nun ein wenig die Action und Science-Fiction heraus, zeigt, dass er auch ohne diese Elemente, mit dem ganzen Fokus auf das Motiv, welches sich durch die von ihm geschriebenen Filme zieht, eine Handlung nachvollziehbar und emotional erzählen kann.

„Zeit zu leben“ ist nun also ein Familienfilm, in der Mütter und ihre Söhne wieder zusammen gebracht werden, aber es auch ansonsten um die Harmonie im familiären Sinne geht. Dabei hält Kurtzman immer mal wieder einen Lacher parat, konzentriert sich aber vorrangig auf eine dramatisch-nachdenkliche Erzählung, die dem Film – trotz starker Besetzung – das Blockbuster-Potential entzieht und zu einem ruhigen, ansehnlichen Film für gemütliche Momente macht.

Denis Sasse

“Zeit zu leben“

Originaltitel: People Like Us
Altersfreigabe: keine Angabe
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 114 Minuten
Regie: Alex Kurtzman
Darsteller: Chris Pine, Elizabeth Banks, Michelle Pfeiffer, Michael Hall D’Addario, Olivia Wilde, Mark Duplass, Philip Baker Hall

Deutschlandstart: 18. Oktober 2012
Offizielle Homepage: ppllikeusmovie.com

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