© Koch Media/Neue Visionen / Charlie Sheen (mitte) mit Bill Murray (links) in "Charlies Welt: Wirklich nichts ist wirklich".
© Koch Media/Neue Visionen / Charlie Sheen (mitte) mit Bill Murray (links) in „Charlies Welt: Wirklich nichts ist wirklich“.

Charlie Sheen ist eines dieser Gesichter Hollywoods, die sich weniger auf der Sonnenseite und mehr im Schlamm der Filmmanufaktur bewegen. Seit der 1965 unter seinem bürgerlichen Namen Carlos Irwin Estévez geborene Schauspieler mehr durch seine Drogenexzesse, dem übermäßigen Alkoholkonsum oder Sichtungen mit bezahlten Mädchen in der Boulevardpresse unterkommt, verschwinden vergangene Erfolge wie „Wall Street“ oder die Komödienreihen „Die Indianer von Cleveland“ als auch „Hot Shots!“ aus der Erinnerung der breiten Masse. Irgendwann Anfang der 2000er Jahre gelang ihm dann ein Comeback im Fernsehen. Sheen übernahm die Hauptrolle des Charlie Crawford in der Serie „Chaos City“, wurde zum Nachfolger von Michael J. Fox ernannt. Sein wirklicher Durchbruch gelang ihm dann mit der Sitcom „Two And A Half Men“, für die er dreimal als bester Hauptdarsteller für den Emmy und zweimal für den Golden Globe nominiert war. Aber auch dieser Höhenflug sollte nicht von Dauer sein. Nach acht Staffeln stirbt Charlie, so auch sein Rollenname, nachdem der echte Charlie erneut durch übermäßigen Drogenkonsum auffiel und dazu noch den Produzenten Chuck Lorre beleidigte. Kurzum wurde Sheen entlassen. Das ebnete nicht nur den Weg für eine neue Serie – „Anger Management“ – sondern auch für die Rückbesinnung auf seine filmische Karriere. Ein Gastauftritt in „Scary Movie“, an der Seite der ebenso skandalös in der Presse vertretenden Lindsay Lohan, sowie nun mit der Hauptrolle in „Charlies Welt: Wirklich nichts ist wirklich“ („A Glimpse Inside The Mind Of Charles Swan III“).

Inszeniert von Roman Coppola, Bruder von Sofia („Lost in Translation“), Sohn von Francis Ford („Der Pate“), wird in „Charlies Welt“ die Geschichte des erfolgreichen Grafikdesigners und Frauenhelds Charles Swan III erzählt. Erst kürzlich wurde dieser von seiner Freundin Ivana (Katheryn Winnick) sitzen gelassen, was sein Leben ins Chaos stürzt: Denn Charles kann nicht so recht ausmachen, ob er Ivana nun hassen oder lieben soll, ob er sie zurück gewinnen oder sie nie mehr wiedersehen will. Gemeinsam mit seinem besten Freund Kirby (Jason Schwartzman) und seinem Manager Saul (Bill Murray), treibt sich Charles in seinen eigenen Alp- und Fieberträumen vergangener Beziehungen herum um die Antwort auf diese Frage zu ergründen.

Charlie Sheen mit Jason Schwartzman und Bill Murray.
Charlie Sheen mit Jason Schwartzman und Bill Murray.

Die erste Assoziation die sich aus „Charlies Welt“ ergibt, sind die Filme Sofia Coppolas oder Wes Andersons, zu dessen Stammpersonal die hier als Nebendarsteller auftretenden Jason Schwartzman und Bill Murray stets gehören. Auch verfeinerte Roman Coppola sein Handwerk bei den Arbeiten zu Filmen wie „Lost in Translation“ und „Darjeeling Limited“, war bei seiner Schwester Sofia wie auch bei Anderson immer wieder als Second Unit Regisseur an der Erschaffung ihrer Welten beteiligt. Doch trotz des eigens geschriebenen Drehbuchs und gut besetzen Nebenrollen möchte der Funke bei „Charlies Welt“ nicht überspringen.

Im Morgenmantel fährt Charles Swan III in das frühmorgendliche Los Angeles hinaus, am Steuer seines Cadillacs, auf dessen linker Seite sich zwei groß abgebildete Spiegeleier befinden, während auf der rechten Seite die dazugehörigen Speckstreifen prangern. Charlie Sheen bekommt schon in den ersten Bildern ein exzentrisches Image verpasst, nicht unfern den eigenen Verhaltensmustern, die der Darsteller immer wieder unter Beweis stellt. Sheen versucht sich offenbar nicht einmal am schauspielern, sondern mixt seine persönlichen Befindlichkeiten mit dem Mimik-Vermögen seiner langjährigen Sitcom-Erfahrung, findet sich aber noch nicht wieder auf dem Niveau der Leinwand ein. Wir bekommen einen Blick in sein Gehirn gewährt, gleich zu Beginn, wenn sich bei einer Psychiater-Sitzung im abgedunkelten Raum ganz in Schwarz, eine Bilderflut von leicht bekleideten und gut ausgestatteten Frauenbildern aus seinem Kopf entfalten. Bei David Duchovnys „Californication“ mag das noch wie Schauspiel wirken, hier aber hat man immer das Gefühl, dass es um die bloße Selbstdarstellung Charlie Sheens geht.

Charlie Sheen mit Jason Schwartzman.
Charlie Sheen mit Jason Schwartzman.

Die Skurrilität setzt sich fort: Niemals nimmt Charles Swan III seine Sonnenbrille ab, die ihm ein wenig den Charme von Elvis verleiht. Selbst bei der morgendlichen Rasur blicken seine Augen durch diese abgedunkelte Welt, in der er mal einem Grab entsteigt, weil er sich selbst für tot hält, nur um eine Gesangsnummer auf dem Friedhof folgen zu lassen, bei der gleich mehrere ehemalige Liebschaften als Tanzpartnerinnen zugegen sind. Irgendwann ist der Einblick in die Welten von Charles Swan so tief, dass schon gar nicht mehr klar wird, auf welcher Traumebene dieser sich gerade befindet. Mal mimt Charles Swan den Superagenten, der von sexy Ex-Freundinnen verfolgt wird, kurz darauf reitet er mit Kumpel Jason Schwartzman auf Pferden im Wilden Westen, muss sich einem Indianerstamm bestehend aus Ex-Freundinnen entgegen stellen, nur um von Supercowboy Bill Murray aus dieser misslichen Lage errettet zu werden. Hier fängt Coppola am ehesten den Ton seiner Regielehre ein, wenn er in märchenhafte, fantastische Phantasiewelten abtaucht in denen seine Figuren sich wie kleine Kinder austoben dürfen. Mit Murray und Schwartzman muss man hier auch nicht hart ins Gericht gehen, sie haben diese Form der Schauspielerei schon perfektioniert: Schwartzman, der mit debilen Gemüt seine Drehbuchzeilen spricht, als sei er selbst noch nicht über eine Altersgrenze von fünf Jahren hinaus gekommen. Und Murray, der es versteht, ohne große Mühen schlicht in die Kamera zu schauen und durch seine bloße Präsenz einen Film aufzuwerten. Doch gerade hier bekommen es die beiden Männer mit einem harten Gegenspieler zu tun. Schauspielerisch wirkt Charlie Sheen schon fast wie der Antagonist, der dem Film nicht gönnen mag, dass er sich durch seine Handlung, nicht nur den Namen Charlie Sheen entfaltet.

Unweigerlich muss man an Johnny Depp denken, für den diese Rolle herausragend passend gewesen wäre. Bei Charlie Sheen jedoch ist immer die Unlust am Spiel, das Bedürfnis der Selbstdarstellung präsent.

 


Charlies Welt_Hauptplakat

“Charlies Welt: Wirklich nichts ist wirklich“

Originaltitel: A Glimpse Inside The Mind Of Charles Swan III
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 85 Minuten
Regie: Roman Coppola
Darsteller: Charlie Sheen, Jason Schwartzman, Bill Murray, Katheryn Winnick, Patricia Arquette, Aubrey Plaza, Dermot Mulroney, Mary Elizabeth Winstead

Deutschlandstart: 2. Mai 2013
Im Netz: facebook.com/CharliesWelt