Filmkritik

“Captain Phillips” von Paul Greengrass

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Captain Phillips (Tom Hanks) in der Gewalt der somalischen Piraten.

Captain Phillips (Tom Hanks) in der Gewalt der somalischen Piraten.

Das Bild ist schlicht absurd. Ein kleines Rettungsboot, verschlossen wie eine Walnuss, erscheint vor der Übermacht dreier Kriegsschiffe der US-Navy unfassbar klein. Es treibt auf dem Meer, umringt von diesen Giganten, die trotz aller Überlegenheit nicht in das Innere dieser schwimmenden Walnussschale gelangen. Brachiale Gewalt wäre denkbar unangebracht. Denn im Inneren befinden sich nicht nur vier somalische Piraten, die sich in Richtung Heimat in Sicherheit bringen wollen, sondern auch Captain Phillips, um dessen Wohlergehen sich die Flotte der US-Navy hier sorgt. Ebenso absurd: Captain Phillips ist Geisel im Rettungsboot seines eigenen Schiffes: der Maersk Alabama, die zuvor von den Piraten recht erfolglos ausgeräumt werden sollte.

Der Film basiert auf dem Bericht A Captain’s Duty: Somali Pirates, Navy SEALS, and Dangerous Days at Sea, selbst verfasst von dem wirklichen Kapitän Richard Phillips, in Zusammenarbeit mit dem US-Journalisten Stephan Talty. Der Stil von Paul Greengrass, Regisseur der Bourne Verschwörung und dem Bourne Ultimatum, aber auch des 9/11-Geiseldramas Flug 93, ist klar erkennbar. Er erzählt so schnell, wie er seine Beiträge zum Bourne-Franchise geschnitten hat: Im ersten Moment ist Captain Phillips noch im sicheren Zuhause, unterhält sich auf dem Weg zur Arbeit mit seiner Ehefrau über die sich schnell ändernde Welt, im nächsten Moment vollführt er schon einen Sicherheitscheck auf seinem Schiff, nur um dann, wieder einen Moment später, schon mit den ersten Piraten konfrontiert zu werden.

Noch versucht Captain Phillips mit den Piraten zu verhandeln.

Noch versucht Captain Phillips mit den Piraten zu verhandeln.

Als Hauptakteur nutzt Greengrass die Stärken von Darsteller Tom Hanks, der als titelgebender Captain Phillips dem somalischen Piratenanführer Muse (Barkhad Abdi) gegenüber steht. Hanks erzeugt bereits vor dem eigentlichen Fiasko ein Gefühl von Menschlichkeit, von normaler Alltagswelt, setzt sich trotz seines immensen Bekanntheitsgrades über eben diesen hinweg, macht sich zu einer normal-sterblichen Person, mit der wir als Zuschauer mitleiden und –fiebern können. Zwischen Phillips und Muse entwickelt sich unter Greengrass ein Spannungsbogen, der über die Laufzeit von 134 Minuten niemals abebben möchte. Dabei ist die Handlung recht schnell zusammen gefasst: Muse und drei seiner somalischen Mitstreiter kapern zuerst die Maersk Alabama, werden dort jedoch von den Einfällen einer raffinierten Crew wieder von Bord getrieben. Dabei nehmen sie jedoch Captain Phillips gefangen, flüchten mit dem Rettungsboot und sinnen fortan auf eine beträchtliche Summe Lösegeld. Die Zeit in Gefangenschaft erlebt Captain Phillips als Tortur, der Zuschauer als den kürzesten Überlänge-Film seit langem – genau hier kommt die schnell fortlaufende Erzählstruktur des Regisseurs zu tragen, der ohne Spannungslöcher arbeitet und damit einen großartigen Thriller konzipiert hat.

Das macht die größte Faszination des Films aus. Eigentlich ist er ganz einfach gestrickt und doch holt Greengrass ein Maximum an Spannung dabei heraus. Jede Situation wirkt gefährlich, immer wieder schwankt die Handlung zwischen dem Tode nahe, der Verzweiflung unterlegen, der Hoffnung beraubt. Bis zum Ende schlägt sich Tom Hanks als Captain Phillips mit Mut und Durchhaltekraft durch seine missliche Lage, bricht erst in dem Moment zusammen, in dem er außer Gefahr ist. Tom Hanks spielt dabei einmal mehr grandios, beweist weshalb er für manche Rollen die einzige Wahl darstellt. Selbst wenn sein Captain Phillips entschlossen wirkt, er sich willensstark und opferbereit vor seine Crew stellt, versetzt Hanks ihm diesen unübersehbaren Hauch von Angst, mit einem Schuss Träne im Auge, niemals aber so sehr, dass er den Piraten unterlegen wirken würde.

Die Piraten aus Somali, die die Maersk Alabama ausrauben wollen.

Die Piraten aus Somali, die die Maersk Alabama ausrauben wollen.

Ganz im Gegenteil. Sehr schnell bekommt man das Gefühl, hier mit dümmlichen Piraten zu tun zu haben, die mehr Glück als Verstand, aber auch mehr verzweifelte Brutalität an den Tag legen. Schon die unbewaffnete Besatzung der Maersk Alabama ist ihnen überlegen, die drei Schiffe der US-Navy sowieso. Trotzdem wollen sie nicht aufgeben, wollen ihr Vorhaben bis zum bitteren Ende durchführen. In Amerika hat man eventuell eine andere Möglichkeit des Geldverdienens, nicht aber dort, wo diese Piraten herkommen, gibt Muse-Darsteller Abdi in einer Szene eindrucksvoll zu verstehen. So unüberlegt ihr Handeln aber auch wirken mag, niemals sollte man hierbei von harmlosen Akteuren sprechen. Dieses Vierergespann verkörpert brutale Geiselnehmer, die über Leichen gehen würden, wenn es die Lage denn erfordern würde. Dass die US-Navy wenig Lust hat mit solchen Individuen zu verhandeln, zeigt sich nach ewig langer Verfolgung der Rettungskapsel, die über 20 Filmminuten lang beobachtet werden muss, um den auf die Sekunde abgestimmten Moment zu erfassen, in dem man zum Rettungsschlag ausholen kann.

Die Eindrücke mit denen man den Film am Ende verlässt, sind ebenso groß wie das Verhältnis dieser kleinen Walnussschale, das Rettungsboot das sich lange Zeit gegen die Kriegsschiffe der US-Navy behauptet. Paul Greengrass hat es als Regisseur geschafft, Tom Hanks mal wieder Material zu liefern, aus dem der Darsteller eine wunderbare Figur entwickelt. Gleichsam darf man aber auch dem Regisseur für seine inszenatorische Kraft dankbar sein, ebenso wie den vier Darstellern der somalischen Piraten: brutal, erbarmungslos und getrieben von Neid, den sie auf die überschwänglich lebende Gesellschaft dieser Amerikaner hegen.

Das ist das verstörende Schlussplädoyer von Greengrass: Eigentlich geht es ihm nicht um Gut (Phillips) und Böse (Piraten), sondern um pure Verzweiflung. All diese Männer kämpfen um ihr Überleben, nicht mehr und nicht weniger. Das sie es auf unterschiedliche Art und Weise ausleben ist eine Gegebenheit ihrer gesellschaftlichen Umstände, was eine einfache Kategorisierung schlicht unmöglich macht.

 


Captain Phillips_Filmposter

“Captain Phillips“

Originaltitel: Captain Phillips
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2013
Länge: ca. 134 Minuten
Regie: Paul Greengrass
Darsteller: Tom Hanks, Barkhad Abdi, Barkhad Abdirahman, Faysal Ahmed, Mahat M. Ali, Michael Chernus, Catherine Keener, Chris Mulkey, Max Martini

Kinostart: 14. November 2013
Im Netz: captain-phillips.de


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