Filmkritik

Buster Keatons “One Week” & “The Navigator”

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Hat man am ersten Abend des Film+Musikfestes der Murnaugesellschaft noch auf eine zwei Mann starke musikalische Unterstützung auf der Bühne gesetzt, so holte man sich für den Zweitabend zum ersten Mal in diesem Jahr ein ganzes Orchester zur atmosphärischen Untermalung. Das Cinematografische Orchester unter der Leitung von Axel Goldbeck existiert seit der Jahrtausendwende, begleitet Stummfilme mit eigenen Kompositionen, in wechselnder Besetzung an den Instrumenten. Nun, auf der Bühne in der Rudolf Oetker Halle, mit Musik zu zwei Werken von Buster Keaton, einer Stummfilmgröße, einem Mann, der gemeinsam mit Charlie Chaplin für die ganz große Komik vergangener Stummfilmjahre verantwortlich gemacht werden darf.

Mit 21 kommt er bereits zum Film, hat zuvor, seit dem zarten Alter von einem Jahr, mit seinen Eltern auf der Bühne gestanden – sofern er schon stehen konnte – hat dubiose Ärzteshows über sich ergehen lassen, hat bald am Theater gespielt und setzte sich irgendwann selbst als Autor-Regisseur durch, wie es in der Vorrede zu diesem Abend heißt. Er schreibt seine Drehbücher selbst, textet die Schrifttafeln, übernimmt die Hauptrollen, führt die Kamera, macht sich über das Bild Gedanken und sitzt am Ende auch eigenhändig beim Filmschnitt – ein Multitalent, dieser Buster Keaton, “The Grey Stone Face” genannt, weil er keine Regung zeigt, keine Emotionen – hierdurch erzeugt er seine Komik. Er bleibt wort- und regungslos, gleich welche Situation über ihn kommen mag, er bleibt bei den ärgsten Scherzen ungerührt, verliert nicht sein Gesicht, wodurch er das Publikum zum toben und rasen bringt. So auch heute, mit “One Week”, einen relativ frühen Werk seines Schaffens (1920), aber auch mit dem vier Jahre späteren “The Navigator”, am Einspielergebnis gemessen sein kommerziell erfolgreichster Film. Hier bietet er den Zuschauern zweimal die Möglichkeit ihm nicht etwa in das Gesicht, sondern auf das Gesicht zu schauen, wie es stur die verrücktesten Situationen über sich ergehen lässt.

“One Week”

Der Abend wird mit “One Week” eingeläutet, ein Kurzfilm um auf den Humor vorzubereiten, schnell lässt man sich als Zuschauer zum Lachen bringen. Eigentlich ganz harmlose Komik, so harmlos, dass der Kameramann sogar bei einer vermeintlichen Nacktszene seine eigene Hand über die Linse hält – ein filmischer Bruch, ein stilistischer Eingriff, der die Lacher geradezu provoziert. Es geht um ein frisch vermähltes Ehepaar, Buster Keaton als Bräutigam, Sybil Seely als seine Braut. Nach turbulenter Fahrt mit dem Hochzeitswagen, gelangen sie zu ihrem neuen Grundstück, zu ihrem Fertighaus, welches nur noch selbst zusammen gebaut werden muss. Das hat Jahre später noch Tom Hanks recht erfolglos probiert, „Geschenkt ist noch zu teuer“ ist der moderne Erbe dieses Buster Keaton Kurzfilms. Natürlich geht alles in die Hose, das Haus wird krumm und schief, dennoch feiert man Einweihung, ist ein wenig stolz auf das erste Eigenheim. Ein Klavier will in das Haus gehievt werden, Bauteile werden vertauscht, ein Wirbelsturm lässt die trauten heimischen vier Wände rotieren, samt geladenen Einweihungsgästen. Am Ende steht das Konstrukt auch noch an der falschen Stelle, wird kurzerhand zum mobilen Wohnwagen umfunktioniert, nur um dann seine letzten Minuten auf einer Eisenbahnstrecke zu erleben. So turbulent, so einfallsreich, so beeindruckend inszeniert. Buster Keaton zeigt, dass bereits wenige Minuten ausreichen, um eine komische und sehenswerte Geschichte zu erzählen, so klein sie auch sein mag.

Vom Eigenheim geht es im folgendem „The Navigator“ auf die große Reise, auf einem Schiff, das den Namen des Films trägt, dorthin verläuft sich Buster Keaton als Protagonist Rollo Treadway, ein Mann, der so reich ist, dass er eigentlich tun und lassen kann wozu er Lust hat: Nach dem Aufstehen am Morgen beschließt er spontan schon am nächsten Tage zu heiraten, seine Angebetete weiß hiervon natürlich noch nichts, wohnt aber gleich auf der anderen Straßenseite, eine willkommene Gelegenheit für eine kleine Ausfahrt mit der Limousine. Den Rückweg nimmt er dann zu Fuß, kann ein wenig frische Luft gebrauchen, nachdem er mit seinem Antrag abgeblitzt ist. Aber das Schicksal meint es gut mit ihm, die Frau – Kathryn McGuire in der Rolle der Betsy O’Brien – landet mit ihm auf der Navigator. Ziellos fahren sie auf dem Meer umher, suchen nach einem geeigneten Schlafplatz, gewöhnen sich an die Umgebung und haben bald einen einstudierten Alltag. Dann jedoch ist plötzlich Land in Sicht, die erste Freude weicht der Angst, als kannibalische Einwohner zu sehen sind, die sich in ihre Boote werfen um an das Frischfleisch zu gelangen. Auch aus dieser Geschichte holt Keaton viele Lacher heraus, seine Einfälle grenzen an Genialität, selbst ein Schwertkampf gegen einen Schwertfisch, für den er selbst einen zweiten dieser Art verwendet, wirkt nicht etwa abgedroschen, sondern wie liebevoll durchdacht – und nach getaner Arbeit unter See, zückt der Taucheranzug-Keaton dann sein Taschentuch, um sich erst einmal die Hände abzuputzen. Natürlich alles unter Wasser.

Solch eine Ideenvielfalt reiht sich hier aneinander, wie offenbar in jedem Buster Keaton Film. Wer den Mann, bzw. sein Schaffen bis zu diesem Tage nicht kannte, wird eine alte, aber dennoch immer noch funktionstüchtige Komik für sich entdeckt haben. Ein heimlicher Star dieses Film+Musikfestes.

Denis Sasse

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