Filmkritik

“Dein Weg” von Emilio Estevez

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© Neue Visionen / Regisseur und Darsteller Emilio Estevez bei den Dreharbeiten zu "Dein Weg"

Es ist ein langer und beschwerlicher Weg, den man beschreiten muss, wenn man den Camino de Santiago, auch Jakobsweg genannt, begehen möchte. Manch einer mag dasselbe über den Film „Dein Weg“ sagen, der mit einer Länge von zwei Stunden sicherlich keine leichte Kost darstellt. Dennoch ist beides eine gute Sache. Gemeinsam mit seinem Vater Martin Sheen hat Regisseur Emilio Estevez dem Pilgerpfad von Frankreich nach Spanien ein filmisches Denkmal gesetzt, welches sich zwar äußerst spirituell und religiös präsentiert, aber von einer wunderbaren Freundschaft zwischen vier Pilgern aus den USA, Irland, Holland und Kanada erzählt.

Tom Avery (Martin Sheen) ist ein erfolgreicher Augenarzt aus Kalifornien, dessen Leben sich abseits der Arbeit auf das Golfspielen im Country Club beschränkt. Erst ein schicksalhafter Anruf verändert alles: Sein Sohn Daniel (Emilio Estevez) ist auf dem Jakobsweg ums Leben gekommen. Im Gegensatz zu seinem Vater hielt er es nie lange an einem Ort aus, ein Mann der immer bereit war etwas Neues zu entdecken und das Leben in vollen Zügen zu genießen. Um seinen Sohn besser zu verstehen, begibt sich Tom selbst auf den Jakobsweg. Ein Unterfangen, in das er sich zunächst alleine stürzt, nur um schon bald von einer kleinen Gruppe Mitpilgern begleitet und genervt zu werden. Jeder mit seinem eigenen Päckchen beladen, kämpfen sich Tom, die Kanadierin Sarah (Deborah Kara Unger), der Holländer Joost (Yorick Van Wageningen) und der Ire Jack (James Nesbitt) fortan einen beschwerlichen Weg entlang.

Tom Avery (Martin Sheen) auf dem Jakobsweg

Es ist vor allem eine starke Vorstellung von Schauspieler Martin Sheen, die den Film trägt. Dieser verkauft zu Beginn noch zurückhaltend den Tod seines Sohnes, wirkt dabei aber auch immer ein Stück emotional betroffen. So wie ein emotionslos erzogener Mann, der seine Gefühle zu unterdrücken versucht. Mit der Zeit öffnet sich dann aber seine starre, kontrollierte Mimik und er zeigt die Trauer die er wirklich in seinem Inneren mit sich trägt. Wenn er seine Reise antritt ist er noch der „Grumpy Old Man“, der nach und nach auf seiner Pilgerreise die skurrilsten Menschen trifft. Es gleicht der Geschichte vom Zauberer von Oz, in der Dorothy Gale in eine wundersame Welt geführt wird und auf mit Problemen beladene Geschöpfe trifft. Aus der hirnlosen Vogelscheuche, dem mutlosen Löwen und dem gefühlsarmen Blechmann werden hier eine kettenrauchende Kanadierin, ein Ire mit Schreibblockade und ein übergewichtiger Holländer. „Der Zauberer von Oz“ entfaltet sich aber auch durch die stationshafte Abhandlung von Fixpunkten, an denen Kameramann Juan Miguel Azpiroz Panoramen der Landschaft einfängt und fast einen dokumentarischen Blick auf den Camino de Santiago wirft. Durch die Dynamik zwischen den vier Hauptdarstellern entfaltet sich der übrige Zauber der Geschichte. Wo Martin Sheens Tom Avery sich anfangs noch vor lauter Sesshaftigkeit nicht aus seinem Golf-Caddy bewegen möchte, trifft er dann auf dem kilometerlangen Weg, den er beschreitet, auf Menschen, die seiner Engstirnigkeit alles abverlangen. Zuerst lässt der „Grumpy Old Man“ niemanden an sich heran, geht immer einen Schritt schneller um seinen Begleitern zu entgehen, lässt sich mit der Zeit aber immer weiter zurückfallen, begibt sich auf eine Höhe mit den neu gewonnenen Freunden. Sie alle erzählen sich zunächst nur oberflächliche Geschichten, weswegen sie diese Strapazen auf sich nehmen, aber unter den Fassaden dieser vier Menschen stecken tief verborgene Beweggründe.

Daniel Avery (Emilio Estevez)

Dabei fungiert Schauspieler James Nesbitt, als Zwerg Bofur in den „Der Hobbit“-Verfilmungen von Peter Jackson zu sehen – als Metafigur. Er ist der Reisejournalist, der hier plant, seinen ersten eigenen Roman über die erlebte Pilgerreise zu schreiben und dabei Tom als seine Hauptfigur zu inszenieren. Ebenso wie es Schriftsteller Jack Hitt in seinem Buch „Off the Road: A Modern-Day Walk Down the Pilgrim’s Route“ getan hat, das Regisseur Estevez als Inspiration diente. Aber auch der Glaube scheint den Filmemacher getrieben zu haben. Es heißt zwar in einem Moment, dass es nicht um Religion gehen würde, wenn man sich auf eine solche Reise begibt, aber die Bilder orientieren sich stark in Richtung Himmel. Immer schwenkt die Kamera von oben nach unten herab, zeigt die kleinen Menschen durch die Landschaft wandern. Mal wird hier ein Kruzifix eingefangen, dort eine heilige Statue, überall Gotteshäuser im Hintergrund. Selbst der Ire Jack, in dessen Heimat schreckliche Dinge durch die Kirche geschehen sind, sträubt sich nur anfangs die heiligen Stätten zu betreten, mustert diese als „Tempel der Tränen“, wird am Ende dann aber auch einen Fuß in ein solches Haus setzen.

„Dein Weg“ ist eine andere Form des „Best Exotic Marigold Hotel“ für Martin Sheen. Vier Menschen suchen und finden auf der wochenlangen Reise den weiteren Weg, den sie in ihrem Leben beschreiten wollen. Ein gelungener Selbstfindungstrip von 120 Minuten, der niemals Langeweile aufkommen lässt. Was ein überemotionaler Film hätte werden könnten, entwickelt sich durch den borstigen Sheen im Aufeinandertreffen mit den übrigen Wanderern zu einem überzeugenden Film mit subtilen Humoreinlagen.

Denis Sasse

‘Dein Weg‘

Originaltitel: The Way
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: USA / E, 2010
Länge: ca. 120 Minuten
Regie: Emilio Estevez
Darsteller: Martin Sheen, Emilio Estevez, Deborah Kara Unger, James Nesbitt, Yorick van Wageningen

Deutschlandstart: 21. Juni 2012
Offizielle Homepage: deinweg-film.de

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