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„Wundervoll, nicht wahr? Und keine Dialoge! Wir brauchten keine Dialoge! Wir hatten unsere Gesichter!“ schwärmt es aus der Stummfilm-Darstellerin Norma Desmond in „Boulevard der Dämmerung“ von Billy Wilder, als sie dem Drehbuchautoren Joe Gillis einen ihrer Filme aus längst vergessenen Zeiten vorführt. Die Dekonstruktion eines Stars, der nicht mit den sich ändernden Bedingungen Hollywoods – der Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm – klarkommt und in seiner Fantasie weiterhin der unangefochtene Stern am Filmhimmel ist, was sich allerdings als pure Neurose herausstellt.

William Holden übernimmt die Rolle des erfolglosen Drehbuchschreibers, der ausgerechnet bei dem ehemaligen Leinwandstar Desmond, gespielt von Gloria Swanson, landet und die Hasstiraden auf den Tonfilm und ihr divenhaftes Auftreten ertragen muss. Zugleich versucht sie ihn für sich zu gewinnen, da sie sich erhofft, durch diesen Autor ein glorreiches Comeback hinzulegen. Für ihn wird die Geschichte allerdings nicht gut ausgehen, dass verrät uns „Boulevard der Dämmerung“ schon zu Beginn, wenn wir seine Leiche in einem Swimming Pool gezeigt bekommen. Das macht den Film von Billy Wilder nicht unbedingt zu einem Whodunnit-Film Noir, eher zu einem Howdidthishappen?-Film.

Lediglich aus dem Off begleitet uns der längst verstorbene Drehbuchautor mit seiner Flashback-Erzählung, getaucht in eine überaus beschreibend-literarische Form. Manches Mal versprüht der Film damit eine Atmosphäre wie als würden wir gerade einen Roman vorgelesen bekommen. Das bewirkt zugleich, dass es stellenweise auch möglich wäre, einfach einmal die Augen zu schließen und den Worten des Verstorbenen zu lauschen, ohne dabei etwas zu verpassen, so bildhaft-schön wurden diese Dialoge geschrieben.

Das Drehbuch erhielt denn auch einen Oscar, ebenso wie das Set Design und die Musik, während die nominierten Darsteller*innen William Holden und Gloria Swanson sowie Erich von Stroheim und Nancy Olsen, als auch Regisseur Billy Wilder selbst zwar nominiert wurden, aber leer ausgingen

Durch solcherlei literarischen Off-Erzählungen hebt Billy Wilder natürlich selbst die Tonfilm-Technik hervor, die von seiner Figur Norma Desmond so sehr verteufelt wird. Vielleicht darf Drehbuchautor Joe Gillis deshalb auch nach seinem Tod noch weiter zumindest zu uns sprechen: als Triumph des Ton- über den Stummfilm. Es lebe der Ton, wirklich Tod sind die stummen Bilder. Da kann auch kein von der Tonfilmwelt verstoßener ehemaliger Hollywoodstar etwas dran ändern, die der Vergangenheit nachtrauert.

Gloria Swanson ist unfassbar großartig in der Rolle der Stummfilm-Schauspielerin. Sie zeigt ihr überdramatisiertes expressives Gesicht, voller Extravaganz und Übertreibung, wie es der Stummfilm nun einmal machen musste, um ohne Worte Emotionen zu übermitteln. Bei Swansons Figur der Norma Desmond hat sich das Vor-der-Kamera Verhalten in ihr Privatleben übertragen, in jedem Moment fühlt sie sich als Star, als müsse sie einer immer präsenten Kamera ihr Gesicht vorführen. In ihr steckt eine ganze Menge inbrünstiger Theatralik, die sie offen zur Schau stellt.

„Boulevard der Dämmerung“ ist neben „Singin‘ in the Rain“ oder den weitaus modernerem „The Artist“ ein wunderschöner Kommentar auf ein altes Hollywood, dass sich nicht mit dem Tonfilm abfinden konnte und wollte, während ein neues Hollywood im Entstehen begriffen war. Es ist auch ein Abgesang auf alte Helden und wie diese sich verzweifelt an etwas klammern, dass schon lange nicht mehr existent ist.