Filmkritik

“Blau ist eine warme Farbe” von Abdellatif Kechiche

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Adèle Exarchopoulos als Adèle in Abdellatif Kechiches "Blau ist eine warme Farbe"

Adèle Exarchopoulos als Adèle in Abdellatif Kechiches “Blau ist eine warme Farbe”

Die Auszeichnung mit der Goldenen Palme bei den Filmfestspielen in Cannes konnte keinen besseren Film treffen als Blau ist eine warme Farbe. Ganz gleich wie hochwertig Jury-Präsident Steven Spielberg das Machwerk von Regisseur Abdellatif Kechiche auch gehalten haben mochte, die Entscheidung der Jury den Film zu ehren, kam parallel mit den Demonstrationen gegen die Ehe homosexueller Partner in Frankreich zu Stande und bot damit einen geradezu hervorragenden, medial präsenten Konter zu den zahlreichen Demonstranten, die sich auf der Straße gegen die Homo-Ehe aussprachen. Zugleich ist Blau ist eine warme Farbe nun die erste Verfilmung einer Graphic Novel, die je in den Besitz der Goldenen Palme gekommen ist, zum ersten Mal wurden darüber hinaus sowohl der Regisseur als auch die beiden Hauptdarstellerinnen (Léa Seydoux und Adèle Exarcopoulos) geehrt. Die beiden Damen sind damit neben Jane Campion die einzigen Frauen, die je die Goldene Palme erhalten haben.

Der Film basiert auf einem Comic namens Le bleu est une couleur chaude von Julie Maroh, die im Alter von 19 Jahren mit der Arbeit an ihrem Werk begonnen hat, bevor sie es fünf Jahre später fertig stellen konnte um es 2010 zu veröffentlichen. Das Ende der Comicvorlage wurde verändert, sonst bleibt sich die Geschichte aber treu: Ein junges Mädchen (Adèle Exarchopoulos als Adèle) wirft auf der Straße einen flüchtigen Blick auf die blauhaarige Emma (Léa Seydoux), die in bester Tomboy-Pose ihren Arm um eine andere Frau geschlungen hält. Zwar datet Adèle Thomas, tauscht Küsse mit ihm im Kino aus, aber Zuhause träumt sie von dieser Begegnung mit der blauhaarigen Frau, wenn es auch nur ein kurzer Austausch von Blicken gewesen ist. Eigentlich stand für die 15 Jahre junge Adèle bisher fest, dass Mädchen nun einmal mit Jungs ausgehen. Doch durch Emma wird ihr Weltbild gänzlich erschüttert.

Lèa Seydoux als Emma

Lèa Seydoux als Emma

Hört man sich das momentane Medienecho um den Film einmal genauer an, so lassen sich zwei Dinge hieraus destillieren: der Film soll scheinbar zahlreiche Sexszenen bieten, die ihn Genremäßig schon fast in die Schublade des Pornos einordnen und der Regisseur soll der gesamten Filmcrew mental mächtig zugesetzt haben, selbst die beiden Hauptdarstellerinnen haben bereits verlauten lassen, nie wieder mit dem tunesisch-französischen Abdellatif Kechiche (Couscous mit Fisch, Vénus Noire) zusammen arbeiten zu wollen. So hart der gute Mann mit den Damen und dem Rest seiner Filmmannschaft ins Gericht gegangen sein mochte, sein Coming-of-Age / Coming-Out Epos mit einer Länge von drei Stunden trifft genau die richtigen Töne um keine fühlbare Überlänge zu erzeugen. Ganz im Gegenteil, alles wirkt gut durchdacht, gut komponiert.

Dabei erhält die übermäßige Länge große Hilfe durch die beiden Hauptdarstellerinnen. Léa Seydoux (Leb wohl, meine Königin) mimt die junge Frau mit den blau gefärbten Haaren. Hier wird einer von vielen blauen Akzenten gesetzt, die sich überall im Film wiederfinden lassen. Selbst wenn Seydoux später ihre blauen Haare verliert, achtet der Regisseur ganz genau darauf, dass sich überall, mal versteckt mal offensichtlich, die Blaufärbung fortführt: Der Rauch auf einer Demonstration, der Ring am Finger einer Schulfreundin Adèles, die ihr ihren ersten Frau zu Frau Kuss schenkt, ein Kleiderstück, ein Straßenschild. Das mögen alltägliche Dinge sein, doch Kechiche entzieht seinem Film viele der anderen herkömmlichen Farben, stellt das Blau in den Mittelpunkt und orientiert sich somit wieder an der Graphic Novel-Vorlage, die in schwarz/weiß gezeichnet nur die blaue Farbe durchkommen lässt.

Adèle Exarchopoulos (links, als Adèle) mit Lèa Seydoux (rechts, als Emma)

Adèle Exarchopoulos (links, als Adèle) mit Lèa Seydoux (rechts, als Emma)

Dann ist da noch die andere junge Dame, Adèle Exarchopoulos (I Used to be Darker) als Adèle. Die Namensgleichheit dürfte nicht von ungefähr kommen, so scheint sich Regisseur Kachiche in seine Jungdarstellerin verliebt zu haben. Die Kamera möchte sie nicht loslassen, die Zuschauer begleiten sie durch ihr Leben – von der Schulzeit bis zu ihrem Job als Lehrerin, von diesem ersten vorbeihuschenden Blick auf Emma, der quasi wie aus dem Nichts geschieht – “Out of the Blue” heißt es im Englischen – bis hin zur schmerzhaften Trennung und dem Zurecht- oder nicht Zurechtkommen hiermit. Dabei wirkt der ausschweifende Sex, den wir hautnah miterleben, als schon fast notwendige Inszenierung, um die immense Vertrautheit, die große erste Liebe zu verdeutlichen, die Erfahrungen die gemacht werden. Nur für Emma stellt sich Adèle als Aktmodell zur Verfügung, nur mit Emma möchte sie diese sexuellen Erfahrungen durchleben. Alles was davor war, wirkt nur wie ein flüchtiger und vergänglicher Moment, alles was danach kommt ist schlicht nicht von großer Relevanz für Adèle.

Beide Schauspielerinnen schaffen es dabei, eine Menge Emotionen durch ihre bloßen Blicke zu übertragen. Wenn sie dort im Sonnenschein liegen und sich anlächeln, glaubt man als Zuschauer einer schüchternden Unterhaltung zu zusehen. Und so wirken dann eben auch die Sexszenen wie Unterhaltungen, über Emotionen, über die Liebe, über die Dinge, die man nur mit dieser einen Person machen und erleben möchte.

Ganz nebenbei vermittelt Blau ist eine warme Farbe ein sehr modernes Bild. Kachiche fokussiert ganz deutlich den Gedanken der Liebe, nutzt die Homosexualität nur als Neu-Erfahrung für Adèle, nicht aber um sich zu positionieren. Beim Besuch von Emmas Eltern wirkt alles so normal. Dort zeigt er die Mutter, Emmas Stiefvater (mit dem sie Emma hervorragend versteht) und eben die homosexuelle Tochter. Adèle wirft einen Blick auf diese Familienkonstellation, die die Homosexualität der Tochter niemals als abnormal hinstellt, gar thematisiert. Es ist wie es ist, man lacht, man trinkt Wein, man begrüßt die Freundin der Tochter – was für ein glücklich-normales Leben hier geführt wird. Das ist einfach schön anzusehen, wenn so mit dieser Thematik umgegangen wird. Und hier möchte man den Kreis zu den Demonstranten geschlossen sehen, die sich im ganz realen Leben gegen eine Homo-Ehe aussprachen. Familie ist nicht dass, was die Gesellschaftsnormen vorgeben, sicherlich hätte auch der im Film anwesende Stiefvater anderswo für Komplikationen sorgen können, aber hier funktioniert es eben. Liebe ist das Motiv das uns leiten sollte, auch wenn Adèle hier fehlgeleitet wird, das bringt die Liebe nun einmal auch mit sich. Immerhin bleibt immer spürbar, wie viel Liebe – von allen Beteiligten, ganz gleich der Strapazen – in Blau ist eine warme Farbe steckt.


Blau ist eine warme Farbe_Poster“Blau ist eine warme Farbe“

Originaltitel: La Vie D’Adele
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: F / B / E, 2012
Länge: ca. 179 Minuten
Regie: Abdellatif Kechiche
Darsteller: Lèa Seydoux, Adèle Exarchopoulos

Kinostart: 19. Dezember 2013
Im Netz: blauisteinewarmefarbe.de


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