Ein wenig könnte man den 1999er Blair Witch Project mit James Camerons Mammut-Projekt Avatar vergleichen. Sicherlich nicht auf einer filmisch-technischen Ebene, hier bilden diese beiden Filme einen extremen Gegensatz. Während Cameron mit hochmodernen Kameras seinerzeit den 3D-Blockbuster in Hollywood etablierte, schuf aber das Blair Witch Project mit seinem Handkamera-Stil das Horror-Untergenre des Found Footage Films.

Erschaffen ist vielleicht das falsche Wort. Ebenso wenig wie Avatar der erste 3D-Kinofilm war, darf sich Blair Witch als erster Found Footage Film bezeichnen. Aber beide sind dafür verantwortlich, dass 3D und Found Footage massentauglich für den Gang ins Kino gemacht wurden.

Die Prämisse für den Horrorfilm ist einfach: Im Oktober 1994 verschwinden drei Filmstudenten in den Wäldern nahe Burkittsville in Maryland, wo sie eine Dokumentation über eine Hexe drehen wollten. Ein Jahr später wird das Filmmaterial gefunden (Found Footage) und wir bekommen es als Zuschauer zu sehen.

Blair Witch Project
Heather Donahue in BLAIR WITCH PROJECT

Noch bei seiner Premiere auf dem Sundance Film Festival von 1999 wurden die Darsteller des Films aus Marketing-Zwecken als “verschwunden” oder “verstorben” gelistet. Das Blair Witch Project sollte möglichst echt wirken. Und man muss sich eingestehen, dass auch die Kameraführung, die verwackelten Bilder, hier noch den besten aller bisherigen Found Footage Filme abgeben. Hier wirkt kaum etwas künstlich konstruiert, wie es das Genre heute gerne macht. Möchte man wirklich Found Footage sehen, sollte man immer auf diesen Film zurückgreifen.

Das Drehbuch der beiden Regisseure Daniel Myrick und Eduardo Sánchez arbeitet derweil recht gut mit den Horror-Elementen, die uns nicht aufdringlich entgegen geworfen werden. Viel mehr lassen sie Raum, unsere Fantasie selbst arbeiten zu lassen. Der Mythos der Hexe von Blair Witch schwebt über allem, aber zu sehen bekommen wir diese Figur nie. Leise Geräusche im nächtlichen Wald, merkwürdige Steingebilde, absonderliches Verhalten – der Horror ist spürbar, aber nicht zu sehen. Das ist, wie guter Grusel kreiert werden kann.

Um authentisch zu wirken, spielen die drei Hauptdarsteller quasi sich selbst. Heather Donahue, Joshua Leonard und Michael Williams treten unter ihren bürgerlichen Namen auf und führen uns zuerst enthusiastisch, später panisch durch die Wälder.

Das mag am Anfang noch funktionieren, aber nach der ersten halben Stunde verfallen alle drei einem hysterischen Geschrei, dass man den Ton gerne runter regulieren oder ganz ausschalten möchte.

Blair Witch Project
Joshua Leonard muss in der Ecke stehen. What’s happening?

Die drei studentischen Filmemacher spucken Gift und Galle, schreien umher, verlernen die normale Sprache und bleiben beim Ein-Wort-Gezetere, dass sie allesamt unfassbar unsympathisch wirken lässt. Auf einmal möchten wir doch die Hexe zu Gesicht bekommen, wie sie diesen Menschen den Kopf abreisst, einfach nur um ihre Ruhe zu haben. Wir würden vermutlich mit ihr gemeinsam jubeln.

Eigentlich soll es einfach nur den Psychoterror widerspiegeln, dem diese drei ausgesetzt werden. Hier aber scheitert das Blair Witch Project an dem zumindest schauspielerisch überaus schlecht angelegten Drehbuch und den Laiendarstellern, die diesen Horror vermitteln sollen.

Vor allem Heather Donahue gehört nach dem Film in die Kategorie: “Ihre Stimme möchte ich niemals wiederhören” (hat man aber, weil sie es nach diesem Film bis in die von Steven Spielberg produzierte Mini-Serie Taken geschafft hat).

Blair Witch Project ist also ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite bekommt man bis heute noch den besten modernen Found Footage Horror, den das Genre zu bieten hat. Auf der anderen Seite muss man die Darsteller ertragen, was schon eine wahre Zumutung ist.