Kinokritik

In BLADE RUNNER 2049 geht Ryan Gosling auf die Jagd nach Replikanten

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Auch wenn der Original Blade Runner von Ridley Scott von vielen als ein Science Fiction Meisterwerk betrachtet wird, so gibt es doch nicht wenige Stimmen, die mit den langen, strapaziösen und vor allem hoch philosophischen Dialogen nichts anzufangen wissen. Viel zu ruhig, viel zu lang, viel zu wenig Aufregung. Wir begleiten Rick Deckard (Harrison Ford) durch das Los Angeles des Jahres 2019, wie er einen action-armen Kriminalfall löst. Deckard ist in Blade Runner 2049  bereits verschwunden, seine Nachfolge tritt K an, der wiederum von Ryan Gosling verkörpert wird – der zwar auf Klaviertasten tippen darf, aber weit entfernt ist von seiner locker-leichten La La Land Performance.

Der Film ist unter der Regie von Denis Villeneuve entstanden, der zuletzt mit Arrival den Linguisten ein filmischen Denkmal gesetzt hat und hier mit seinem Plot Twist sogar Christopher Nolans Interstellar zeigen konnte, wie man eine verworrene Geschichte sinnvoll und mit Ah-Effekt auflösen kann. Daneben ist er für die düsteren Thriller Prisoners, Enemy und Sicario verantwortlich. Beste Voraussetzungen für einen neuen Neo Noir Thriller im Blade Runner-Universum.

Die Story sollte erlebt, nicht erzählt werden. Bleiben wir bei der Basis: Detective K (Gosling) soll alte Replikanten jagen, die ihre ursprüngliche Lebensdauer von vier Jahren weit überschritten haben. Dabei stößt er auf eine Kleinigkeit, die ihm zu denken gibt. Gegen den Willen seiner Vorgesetzten Joshi (Robin Wright) ermittelt er auf eigene Faust und landet dabei in einem verstrahlt-zerstörten Las Vegas, wo er den sagenumwobenen Rick Deckard (Ford) treffen darf.

Blade Runner 2049

Ein Treffen der Blade Runner: K (Ryan Gosling, rechts) trifft Deckard (Harrison Ford, links)

Zuerst müssen diejenigen gewarnt werden, die hoffen, dass Villeneuve seinen Blade Runner 2049 dem heutigen, modernen Storytelling angepasst hätte. Wer sich schnelle Schnitte, spektakuläre Actionsequenzen und heroisch-mutige One Liner wünscht, ist im gänzlich falschen Film gelandet. Und das ist einfach wunderbar.

Villeneuve verzichtet auf unnötige Updates und verliert sich in seiner eigenen Fantasie, mit der er aus den 80er Jahren hinaus seine Sci-Fi Geschichte spinnt. Er setzt auf allen Ebenen dort an, wo Ridley Scott 1982 aufgehört hat – nur eben 30 Jahre später. Es ist ein gesunder Mix aus Retro und Sci-Fi, bei der es noch altertümliche Jukeboxen gibt, die allerdings mit Hologramm-Technik einen leibhaftigen Frank Sinatra erscheinen lassen können.

Zugegeben, es fehlt Blade Runner 2049 an einem Rutger Hauer, der tiefst philosophische Worte für Deckard und die Zuschauer parat hatte. Jared Leto kann diese Rolle nur schwerlich übernehmen, dafür ist er viel zu wenig im Film. Das darf ganz und gar nicht als Kritik verstanden werden, außer man möchte anbringen, dass seine Figur so interessant ist, dass man gerne mehr Zeit mit ihr verbracht hätte. Dafür bekommen wir in Ryan Gosling eine Figur geliefert, deren Umfeld uns reichlich Stoff für Diskussionen bietet. Hier eröffnet der Film seine schwere Thematiken um Erinnerungen, um künstliche Intelligenz, um die Fortentwicklung dieser und um Menschlichkeit.

Das wir uns so richtig tief in diesem Los Angeles des Jahres 2049 verlieren können verdanken wir aber vor allem Roger Deakins, dem Kameramann der ebenso zur Stammbesetzung Villeneuves gehört, wie er immer wieder für die Coen Brüder und Sam Mendes filmt. Seine Bilder sind Meisterwerke. Die wahnsinnig weiten Landschaften, das von ihm eingefangene Licht. Die dunkel-dreckigen Noir-Elemente. Mit seiner Arbeit für Blade Runner 2049 liefert Deakins einen wichtigen Beitrag zu einem irgendwann einmal erscheinenden Bildband mit all seinen großartigen Kamerabildern.

Blade Runner 2049

Ryan Gosling darf sich durch die großartigen Bildwelten von Roger Deakins bewegen

Eine weitere Danksagung gebührt Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch, die gemeinsam den Score zum Film komponiert haben, immer mit dem Original-Stücken von Vangelis im Kopf. Manchmal wirken die Stücke etwas härter als im 1982er Film, aber damit legt man nur auch auf der Tonebene deutlich fest, dass die Welt von Blade Runner keinesfalls einem Stillstand erlegen ist, sondern sie sich in allen Belangen weiterentwickelt hat. Man kann auch einfach die Augen zumachen – was man aufgrund von Deakins Kamera aber nicht machen sollte – und die Musik genießen, man findet sich ohne visuelle Hinweise trotzdem in der Blade Runner-Welt wieder.

Blade Runner 2049 ist einer dieser seltenen Filme, die ein Kino-Event sind. Denis Villeneuve hat einen Sci-Fi Film erschaffen, der die große Leinwand voraussetzt. Kein kleiner Fernseher dieser Welt sollte jemals die Erlaubnis bekommen, diesen Film zu zeigen. Die Laufzeit von über zweieinhalb Stunden ist absolut gerechtfertigt um uns ganz tief in die Story, die Figuren, die Bilder und die Musik zu ziehen, so dass es am Ende einfach nur Schade ist, dass Denis Villeneuve sich entschieden hat, seinen Film zu einem kompletten Ganzen zu machen, ohne Sequel-Gedanken, ohne After Credits-Sequenz – ein für sich stehendes, äußerst Blade Runner-süchtig machendes Werk.

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