© Tobis Film GmbH & Co. KG / Franklin D. Roosevelt (Bill Murray) mit seiner Cousine Daisy (Laura Linney) in "Hyde Park am Hudson"
© Tobis Film GmbH & Co. KG / Franklin D. Roosevelt (Bill Murray) mit seiner Cousine Margaret Suckley (Laura Linney) in “Hyde Park am Hudson”

Hätte man erneut Colin Firth in der Rolle des stotternden britischen Monarchen König George VI. verpflichten können („The King’s Speech“), es wäre ein amüsantes Aufeinandertreffen mit Bill Murray geworden, der in „Hyde Park am Hudson“ den ehemaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt verkörpert und in dieser Rolle George und dessen Ehefrau Queen Elizabeth auf seinem Landsitz empfängt. Jedoch ist das Unwohlsein über die Neubesetzung mit Samuel West unbegründet, auch er bietet ein nettes Zusammenspiel mit Murray in dem neuen Film von „Morning Glory“-Regisseur Roger Michell, basierend auf Briefen und Tagebüchern von Margaret Suckley, einer entfernten Cousine Roosevelts, deren schriftliche Hinterlassenschaft nach ihrem Tod gefunden wurde und Details über ihre Liebesaffäre zu dem damaligen Präsidenten enthält.

Und diese Details werden in „Hyde Park am Hudson“ verarbeitet, aus der Sicht von Margaret Suckley geschildert, gespielt von Laura Linney („Kinsey – Die Wahrheit über Sex“, „Mystic River“). Der Film setzt nach der Überwindung der großen Wirtschaftsdepression ein, an einem strahlenden Juni-Wochenende des Jahres 1939. Der Zweite Weltkrieg steht vor der Tür, nicht mehr abwendbar erwartet Roosevelt hohen Besuch in Form des britischen Königs und der Königin. Man möchte sich über das drohende Unheil austauschen, über eine Hilfeleistung der USA für Großbritannien sprechen. Es ist ein historischer Moment, wo doch George VI. und seine Queen die ersten britischen Monarchen sind, die den Vereinigten Staaten von Amerika einen Besuch abstatten. Es sind aber nicht die einzigen Gäste auf dem Anwesen Hyde Park am Hudson. Margaret Suckley, auch Daisy genannt, ist eine entfernte Cousine des Präsidenten, mit der er eine Liebesaffäre beginnt, die zu allerlei Heimlichkeiten führt. Roosevelt balanciert zwischen nächtlichen Eskapaden und politischen Differenzen.

Bill Murray als 32. US-Präsident Franklin Delano Roosevelt
Bill Murray als 32. US-Präsident Franklin Delano Roosevelt

Man darf von „Hyde Park am Hudson“ sicherlich nicht erwarten, was Regisseur Steven Spielberg mit „Lincoln“ erschaffen hat. Wo Daniel Day-Lewis ein filmisches Zeugnis über die politische Wichtigkeit Abraham Lincolns abgibt, bleibt Bill Murray, so sehr man ihn mag, so sehr er hier sympathisch den Film beherrscht, der Komödie treu. Hier mit dramatischen Zügen. Roosevelt als Politiker bleibt ein Geheimnis, Roosevelt als Mensch wird durch Murray oberflächlich offenbart. Wo sich Herr Lincoln nun seiner politischen Überzeugung gewidmet hat, seine Familie zurückstellte, umgibt sich Roosevelt mit Liebhaberinnen, irgendwie gehören sie dann ja auch zur Familie. Seine politischen Gespräche, die er hier vor allem mit König George VI., Bertie genannt, führt, wirken wie großväterliche Ratschläge an den jungen Monarchen. Auch auf dieser Ebene möchte der Film familiär bleiben, nicht zu sehr in Daten und Fakten eintauchen, wie Spielberg es bevorzugt hat. Von den Fakten entfernt sich „Hyde Park“ sogar so sehr, dass der britische Journalist Conrad Black, Autor des Buches „Franklin Delano Roosevelt: Champion of Freedom“, über den Film urteilte, dass dieser sich große, fast schon lachhafte Freiheiten in der Umsetzung von historischen Begebenheiten nehmen würde. Er verwies vorrangig auf Roosevelts Beziehungen zu den Frauen, ein Kernpunkt von „Hyde Park am Hudson“.

Oder man sollte vielleicht besser formulieren: Es wäre gerne der Kernpunkt des Films, doch leider wird Roosevelt viel zu wenig als Hauptfigur herausgestellt. Margaret Suckley, durch deren Off-Kommentar der Zuschauer die Geschichte erzählt bekommt, steht hier im Mittelpunkt. Von ihrer Nervosität beim ersten Aufeinandertreffen mit dem Präsidenten, über eine romantische und schön gefilmte Fahrt hinaus in ein Meer aus Blumen, Himmel und Sonnenschein – und einem Hand-Job für den Präsidenten – bis hin zu der Erkenntnis, dass sie nicht die einzige Dame ist, die solcherlei Dienste verrichtet, bekommt Bill Murray nur wenig Gelegenheit der Präsidentenfigur einen nachvollziehbaren Charakter zu geben. Einzig die Momente, in denen der Zuschauer Roosevelt mit George VI. erlebt, scheinen zu glänzen. Hierauf hätte der Film aufbauen können, hinweg mit den Frauengeschichten, sie liegen Regisseur Michell nicht, dafür das Aufeinandertreffen der Landesoberhäupter – mit all ihren sentimentalen, persönlichen Offenbarungen, dem gemeinsamen Hot Dog-Picknick um die Briten menschlicher für die Amerikaner wirken zu lassen, dem fürsorglichen Miteinander von Bill Murray und Samuel West. Einzig die Angst vor zu argen Ähnlichkeiten zu der Beziehung von König George VI. und seinem Sprachpsychiater Lionel Logue (Geoffrey Rush) in Tom Hoopers „The King’s Speech“ mögen als Ausrede geltend gemacht werden, hier nicht diesen weitaus interessanteren Weg eingeschlagen zu haben.

Roosevelt (Murray) begrüßt das britische Monarchen-Ehepaar (Samuel West & Olivia Colman)
Roosevelt (Murray) begrüßt das britische Monarchen-Ehepaar (Samuel West & Olivia Colman)

Mit diesen zwei Geschichten beweist Michell nur, dass er selbst nicht so recht wusste, wohin er mit „Hyde Park“ eigentlich wollte. Mal erzählt er von den Frauen, neben Laura Linney müssen noch Olivia Williams als Ehegattin Eleanor und Elizabeth Marvel als Zweitaffäre bestehen, dann wieder von den britischen Monarchen. Seine ganz eigene Variante der Vermischung von Privat- und Politikleben – sie funktioniert nur nicht. Bill Murray spielt dagegen an, wenn er denn kann. Seine Leinwandpräsenz erfreut zwar das Zuschauerherz, bleibt dann aber doch belanglos, dass muss sich auch der Murray-Fan eingestehen. Ihm gelingt es nicht dem 32. Präsidenten der USA die nötige Relevanz zukommen zu lassen, immerhin der einzige Präsident, der drei Amtsperioden das Oberhaupt Amerikas war. Seine Erkrankung an Kinderlähmung – 2003er Studien der Universität Texas legen eine seltene Nervenkrankheit, das Guillain-Barré-Sydnrom nahe – ist zwar präsent, wird aber durch Heiterkeit überspielt, in keinem Moment tritt diese Lähmung hervor, sie ist da, sie wird geduldet, welche Folgen sie hatte, scheinen irrelevant. Das Seelenleben von Roosevelt dreht sich hier nur um seine Affären, der Rest scheint ebenso belanglos wie die Rolle selbst.

Damit macht sich „Hyde Park am Hudson“ viel mehr zu einer unbedachten, leichten Sommerkomödie als zu einem historischen Biopic, kann sie an keiner Stelle mit anderen Vertretern messen, ganz gleich ob Meryl Streep in „The Iron Lady“ oder Leonardo DiCaprio in „J. Edgar“. Das ist schade für Bill Murray, von dem man gerne mal wieder einen großen Auftritt sehen würde: „Rushmore“, „Lost in Translation“, diese Zeiten scheinen vorüber, allenfalls Regisseur Wes Anderson, mit dem er bald seine siebte Zusammenarbeit („The Grand Budapest Hotel“) folgen lässt, scheint noch in der Lage zu sein, Murray überzeugende Rollen auf den Leib zu schreiben. Hier ist Murray nun leider in einem Werk zu sehen, welches ebenso als Film wie auch als historisches Zeugnis nur spärlich zu überzeugen vermag.

Denis Sasse

Hyde Park am Hudson_Hauptplakat

“Hyde Park am Hudson“

Originaltitel: Hyde Park on Hudson
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: GB, 2012
Länge: ca. 96 Minuten
Regie: Roger Michell
Darsteller: Bill Murray, Laura Linney, Samuel West, Olivia Colman, Elizabeth Marvel, Olivia Williams, Elizabeth Wilson

Deutschlandstart: 28. Februar 2013
Offizielle Homepage: tobis.de/hyde-park-am-hudson