Der Presseraum der Berlinale, dort wo die Stars platz nehmen.
Der Presseraum der Berlinale, dort wo die Stars platz nehmen.

Nachdem bereits gefragt wurde, ob sich Journalisten auf der Berlinale anders verhalten als der Durchschnittskinogänger, darf wohl angenommen werden, dass man sich nur schwer vorstellen kann, wie ein Tag auf der Berlinale abläuft. Sicherlich, es ist die Sprache von Gedrängel und Getümmel, von Stars und Sternchen, vom Roten Teppich und den zahlreichen Filmen die tagtäglich vorgeführt werden. Aber wie erlebt der Journalist, die Person mit dem hübsch roten Presseausweis um den Hals – es gibt verschiedene Farben für unterschiedliche Journalisten: Online, Fernsehen, Radio, Fotograf, etc. – dieses Event? Ein Versuch der Darstellung:

Auch diese Gattung Mensch braucht ihren wohlverdienten Schlaf, auch diese Gattung Mensch wird zu einer Uhrzeit, nennen wir sie 7 Uhr morgens, von einem schrillen Wecker aus eben jenem wohlverdienten Schlaf gerissen. Mit dem Wissen dass bereits in zwei Stunden der erste Film des Tages anstehen wird, begibt man sich unter die Dusche, kleidet sich an, versucht sich den Magen mit Frühstücksbrötchen voll zu schlagen, um eine möglichst große Zeitspanne ohne weitere Nahrungsaufnahme auszukommen. Früh genug bricht man auf, da noch der allmorgendliche Besuch im Pressecenter auf dem Programm steht.

Das Grand Hyatt Hotel. Hinter diesen Türen tummelt sich die Presse.
Das Grand Hyatt Hotel. Hinter diesen Türen tummelt sich die Presse.

Dort tummeln sich ähnlich verschlafene Wesen. Man besorgt sich für die öffentlichen Vorführungen Pressekarten, die in Kombination mit dem um den Hals baumelnden Presseausweis als Tickets zu jedweder Veranstaltung Zugang gewähren. Diese Karten gibt es immer nur einen Tag vorher. Ein begrenztes Kontingent sorgt dafür, dass diese Teile recht begehrt sind, weswegen man sich möglichst früh um sie kümmern sollte. Ein Blick auf die Pressekonferenztafel gibt Auskunft über die Menschen die für einen Film vor den Mikros in Stellung gehen werden. Nennen wir sie doch einfach beim Namen: Stars. Manchmal streicht man noch Pressekonferenzen von seinem Plan, weil kein „Großer“ des Films überhaupt anwesend ist. Seien wir doch einmal ehrlich: Wer möchte schon hören was ein Produzent zu sagen hat? Hier zählen Regisseure und Darsteller, am besten wirklich diese besagten „Stars“ und keine zweitrangigen Nebenbuhler. Manchmal geschieht aber dann auch das genaue Gegenteil und man nimmt solche Konferenzen noch im Nachhinein in seinen Plan auf, lässt eventuell einen Film hierfür fallen oder versucht ihn noch umzudisponieren.

Raus aus dem Pressecenter, rein ins Kino. Der erste Film des Tages. Als Beispiel soll der Wochenstart (11. Feb) dienen, hier läuft – etwas später um 9:30 Uhr – der französische Film „Meteor“ im Cinemaxx am Potsdamer Platz. Der Tag beginnt mit einem 85 Minuten langen Film, der aus Off-Screen Monologen, Gedankengängen besteht. Dass auch noch auf Französischen, früh am Tage wird man also zum Untertitel lesen verdonnert, auf Englisch. Aber da ist es auch schon, morgens, 9:30 Uhr in Berlin: ein Gefühl von Internationalität.

Nun ist es also 11:00 Uhr, bis man sich aus den Weiten des Kinopalastes hinaus gearbeitet hat – man bedenke dass dies zahlreiche Menschen zeitgleich versuchen – vergeht die Zeit. Man kann direkt zur nächsten Vorstellung gehen. Diese beginnt zwar erst um 12:00 Uhr und findet nebenan im Berlinale Palast statt, aber da es sich um die viel erwartete Fortsetzung „Before Midnight“ von Richard Linklater und mit Ethan Hawke und Julie Delpy handelt, steht die Presse hier schon Schlange. Jeder möchte zuerst ins Kino, jeder möchte den gemütlichsten Platz. Vielleicht würde es sich lohnen Sheldon Cooper einmal damit zu beauftragen, herauszufinden welches wirklich der ideale Platz in einem Kino ist. Auch dieser Film ist schnell durchlebt, nun ganz fix in das Hyatt Hotel, wo die Pressekonferenzen stattfinden. Hier finden sich um 14:00 Uhr die beiden Hauptdarsteller mitsamt des Regisseurs ein. Nicht, das hier nur diejenigen willkommen wären, die den Film soeben gesehen haben, hier kann sich jeder – Presseausweis vorausgesetzt – hin bequemen. Die Folge: Manche Journalisten überspringen den Film um hier an die begehrten Schnappschuss-Plätze zu kommen, von wo aus die Fotos mit Handy, Tablet etc. besonders gut geschossen werden können. Wenn so ein riesiges Tablet dann während der Konferenz in die Höhe schnellt, fein justiert werden muss und sekundenlang dort in der Luft verharrt, bis das ideale Fotomotiv gefunden wurde, dann erzürnt das nicht nur die dahinter sitzenden Kollegen, sondern auch die armen Kameramänner die sich wie eine Wand hinter der Journalistenflut positioniert haben, filmen wollen, nun aber eher filmen, was der vorne sitzende Schlaumeier auf seinem Tablet sieht.

Im Pressekonferenzsaal
Im Pressekonferenzsaal

Eine solche Pressekonferenz ist oftmals mit 45 Minuten begrenzt, manchmal geht sie kürzer, wenn die Presse den Film schlecht fand und im Angesicht der Macher keine bösen Fragen äußern mag, manchmal auch länger, wenn wieder irgendein Feuilleton-Schreiber eine endlos lange Frage stellen muss, oftmals noch mit einem Wikipedia-Artikel gleichkommenden Infovortrag vorweg gestellt. Der Moderator ermahnt, die Menge buht, der Journalist ist hartnäckig, hat das Mikro in der Hand, fragt genüsslich seine Frage zu Ende. Dann gönnt man der Menge auch schon mal ein paar Minuten mehr. Die nächsten Stars müssen dann eben im Hinterzimmer ein wenig Däumchen drehen.

Die nächsten drei Filme geschehen wie in Trance, gerade noch passt ein wenig Essen in den Magen, dann geht es Schlag auf Schlag weiter. Zurück ins große Cinemaxx, ein paar Treppen nach oben steigend, dann läuft hier um 15:15 Uhr „Layla Fourie“, den man gerade so überlebt. Die Stimmen im Anschluss sind sich einig, man lauscht ja gerne Fremdgesprächen, kommt sogar in eine Unterhaltung mit hinein: Eine französische Dame, vielleicht auch britisch oder deutsch, sprechen tut sie alle Sprachen durcheinander – Hallo Internationalität – fragt ihren französisch/britisch/deutsch sprechenden Kollegen nach dem Film: „Boring“ ist die spontane Reaktion, es folgen die Ausführungen, man äußert sich selbst, ist froh das der zuvor Online so gepriesene Film, der einem selbst überhaupt nicht gefallen hat, doch wohl mehr auf Unbehagen trifft. Keine Geschmacksverirrung sondern Einstimmigkeit. Die Online-Vorabberichterstattung wird Lügen gestraft. Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass eine deutsche Seite über einen deutschen Film berichtete. Ein wenig Lokalpatriotismus muss wohl sein.

Immerhin kann man daraufhin im selben Kino bleiben, steigt nur noch eine weitere Treppe empor, vielleicht vorher noch einmal zwei Treppen hinab, ein Klobesuch tut zwischendurch auch mal ganz gut. Dann geht’s wieder in einen Saal hinein, für die nächsten 123 Minuten wird man seine Zeit hier verbringen: „The Best Offer“, damit ist nicht der Saal – wenn auch hübsch – gemeint, das ist der Titel des Films über einen Auktionator, der wertvolle Gemälde für sich ersteigert. Dahinter steckt Betrug, ein Betrug der ihm später selbst wiederfahren wird.

"The Town of Whales"-Regisseurin Keiko Tsuruoka
„The Town of Whales“-Regisseurin Keiko Tsuruoka

Nach vier Filmen und einer Pressekonferenz, nur wenigen Pausen, mag Müdigkeit aufkommen, vielleicht auch Zweifel darüber, ob man noch einen fünften Film aushält. Aber dann ringt man sich doch noch dazu durch. Im Cinestar im Sony Center läuft „The Town of Whales“, gerade einmal 70 Minuten lang, was kann man da schon falsch machen? Eine Menge, wenn es sich dabei um einen Film handelt, der wie ein Schulprojekt inszeniert und gespielt wird. Damit verbringt man dann den Rest des Abends, rausgehen aus dem Saal möchte man dennoch nicht. Immerhin ist’s die Berlinale, hier muss doch jeder Film irgendeinen Sinn und Zweck haben. Der Film nennt sich „The Town of Whales“, das Dorf der Wale. Einmal stehen die drei jungen Hauptdarsteller vor einem Walskelett, die junge Regisseurin beantwortet im Anschluss an den Film die Frage, warum Wale für sie eine solch große Rolle spielen würden? Die Antwort: „Ich wollte einfach einen Film drehen, in dem es eine Szene mit diesem Walskelett gibt“.

Bei mancher Intention fragt man sich dann doch, ob man nicht selbst auch dazu in der Lage wäre einen Film für die Berlinale zu drehen. Vielleicht eine Langzeitreportage über schimmelnden Käse, alternativ auch Socken – in 4D mit Geruch. Es wäre sicherlich ein gern gesehener Beitrag, immerhin der erste 4D Film der Berlinale. Da man sich das Interview noch interessiert und belustigt angesehen hat, ist es nun schon kurz vor Zwölf. Fix geht es zurück in die Unterkunft, ins Bett gesprungen und die nötigen Stunden geschlafen. Denn der Wecker steht erneut auf 7 Uhr morgens. Dann beginnt der ganze Wahnsinn von vorn.