© Berlinale / Jung Eun-chae (links) und Lee Sunk-yun (rechts) in "Nobody's Daughter Haewon"
© Berlinale / Jung Eun-chae (links) und Lee Sunk-yun (rechts) in “Nobody’s Daughter Haewon”

Vor drei Jahren gewann der südkoreanische Regisseur Hong Sang-soo mit seinem Film „Hahaha“ die Sektion Un Certain Regard bei den Filmfestspielen von Cannes, im vergangenen Jahr lief „In Another Country“ im Wettbewerb um die Goldenen Palme. Es war bereits das achte Mal, dass ein Sang-soo Film an der Côte d’Azur gezeigt wurde. In diesem Jahr ist die Berlinale dem sonnigen Südfrankreich zuvor gekommen. Sein neuester Film „Nobody’s Daughter Haewon“, bereits seine 14. Regiearbeit, feiert im dortigen Wettbewerb seine Weltpremiere. Es geht um die im Titel genannte Haewon, gespielt von dem südkoreanischen Model Jung Eun-chae, eine Studentin, die ihre Beziehung zu ihrem Professor beenden möchte, sich aber zu ihm zurück flüchtet, nachdem ihre Mutter nach Kanada auswandert und ihre Tochter zurücklässt.

Im ersten Moment klingt das Depressiv. Was es eigentlich auch sein müsste: Jung Eun-chae spielt diese Haewon, von allen verlassen. Einmal erzählt sie einer englischsprachigen Touristin, wie sie selbst als kleines Kind in England gelebt hat, weswegen sie die Sprache auch so gut beherrscht. Man weiß nicht, ob sie allein, ohne Eltern dort war, aber die Reaktion auf diese fremde Frau, die ihr ein gutes Aussehen und eine noch viel bessere Aussprache bestätigt, ist eine innige Umarmung, fröhlich verlegenes Lachen, als habe sie seit langer Zeit nicht mehr solch nette Worte der Zuneigung erhalten. Und das ist der Ton der hier vorherrscht. Eun-chae spielt ihre Figur mit solch beschwingter Lebensfreude, dass man ihr die tiefe Trauer über die Auswanderung ihrer Mutter, über die Abnabelung von ihren Freunden und die On-and-Off-Beziehung zu ihrem Dozenten kaum anmerkt, obgleich es diese Momente gibt, in denen sie demütig vor dem eigenen Leben in einer Ecke sitzt, an kleinen Grasbüscheln herum zupft.

Jung Eun-chae als Haewon
Jung Eun-chae als Haewon

Die Einsamkeit wird als große Problematik gezeigt, vor der man sich mit bestmöglicher Schnelligkeit entziehen sollte. Ein anderer Lehrer auf den Haewon trifft, unterrichtet in San Diego, USA, hat sich – und das darf in einem koreanischen Film als modern gesehen werden – von seiner Frau scheiden lassen, will aber auch möglichst schnell eine neue Angebetete finden, weswegen er das bei einem Kaffee mit Haewon ausdiskutieren möchte. Aber ihr großer Traum ist es, Schauspielerin zu werden, so frei zu sein wie ihre Mutter, die ihr eingangs erzählt, wie sie in Kanada mit nackten Füßen auf der Straße tanzen wird. Haewon wird zur modernen Frau in einem immer noch den Traditionen folgenden Land. Das Schöne ist, dass „Nobody’s Daughter Haewon“ nicht verurteilt. Auch nicht die vielen bösen Beziehungen zwischen einer Frau und dem verheirateten Mann. Die Freundin von Haewon lebt gar seit nunmehr sieben Jahre mit einem Mann zusammen, der mit einer anderen Frau liiert ist. Auch gravierende Altersunterschiede zwischen den Partnern werden nicht weiter kommentiert, obwohl sie immer wieder sichtbar vorhanden sind.

Mit ihrem charmanten Lächeln und einer gewissen Naivität gegenüber ihren Mitmenschen kann man Haewon auch gar nicht böse sein, ganz gleich wie sehr sie ihr Leben gegen die Wand fährt. Da nennt ihr Liebhaber sie während eines Streits über eine frühere Beziehung eine „blöde Schlampe“ und sie kehrt dennoch zu ihm zurück. Aber mit einem Lächeln ist zumindest der Zuschauer sofort wieder in ihrem Bann, verzeiht ihr schnell auch diese erneute Fehlentscheidung in Sachen Leben. Einzig die Kameraarbeit stiftet zeitweise etwas Verwirrung. Wenn unnötiges heran und wegzoomen einer Szene eine nicht nachvollziehbare Bedeutung verleiht. Oder aber wenn das Bild verharrt, auch wenn sich sämtliche Protagonisten schon verabschiedet haben. Hier wünscht man sich etwas mehr Feingefühl von Regisseur Sang-soo, der nach 14. Regiearbeiten solche Ungereimtheiten eigentlich vermeiden könnte. Aber auch das wird durch ein sonnig-leichtes Lächeln von Jung Eun-chae wieder wett gemacht.

 


Nobody's Daughter Haewon_Filmposter

“Nobody’s Daughter Haewon“

Start: noch nicht bekannt – Originaltitel: „Nugu-ui Ttal-do Anin Haewon“ – Republik Korea 2013 – noch keine Angabe zur Altersbeschränkung – 90 Minuten – Regie: Hong Song-soo – Darsteller: Jung Eun-chae, Lee Sunk-yun – Homepage: Berlinale Seite zu “Nobody’s Daughter Haewon”