Nachdem Regisseur Marc Webb mit zwei The Amazing Spider-Man Filmen einen Ausflug in das Mainstream Superhelden Genre hinter sich gebracht hat, kehrt er mit seinem Film Begabt – Die Gleichung eines Lebens (Gifted) zu seinen Wurzeln zurück und inszeniert einen kleinen, aber überaus charmanten Film, wie einst (500) Days of Summer, in dem sich ein junges, mathematisch hoch talentiertes Mädchen im Sorgerechtsstreit zwischen ihrem Onkel und ihrer Oma wiederfindet.

Irgendwo in einem kleinen Örtchen nahe Tampa, Florida, entdeckt die Lehrerin Bonnie Stevenson (Jenny Slate) das überaus beeindruckende mathematische Verständnis ihrer sieben Jahre jungen Schülerin Mary Adler (Mckenna Grace). Ihr wird ein Stipendium für eine Begabtenschule angeboten, aber ihr Onkel und gesetzlicher Vormund Frank Adler (Chris Evans) sträubt sich, weil er das Kind unter normalen Verhältnissen aufwachsen sehen will.

Frank, von Chris Evans mit soviel Leidenschaft gespielt, dass er deutlich zum Vorschein bringen kann, dass es ein Leben nach seiner prägenden Rolle als Marvel-Held Captain America geben wird, hat außerdem Angst, dass es Mary ähnlich wie ihrer Mutter und seiner Schwester Diane ergehen wird, die ebenfalls ein Genie war. Sie hat sich einem scheinbar unlösbaren mathematischen Problem angenommen, dann aber Selbstmord begangen, als Mary gerade erst sechs Monate alt war – seitdem ist Frank für sie da.

Begabt
Onkel Frank (Chris Evans) mit der kleinen Mary (Mckenna Grace)

Lindsay Duncan (Birdman, Alice im Wunderland) komplettiert das Dreiecks-Geflecht als Mutter von Frank und Diane, als Oma von Mary, die ihrem Sohn das Sorgerecht aberkennen und für sich selbst gewinnen möchte. Denn sie will das kleine, begabte Mädchen entsprechend fördern um ihr Mathematik-Verständnis dafür zu nutzen, das Problem zu lösen, an dem ihre Tochter einst scheinbar scheiterte.  

Mckenna Grace, deren Filmografie in Sachen Kino und Fernsehen schon unfassbar lang erscheint – z. B. spielt sie neben Eddie Murphy in Mr. Church oder hat eine Rolle nebst Kiefer Sutherland in der Serie Designated Survivor – liefert hier eine wundervoll-mitreißende Performance ab.

Wenn sie gemeinsam mit Octavia Spencer (Hidden Figures) eine Karaoke Nacht abhält, gibt sie uns das Bild eines Kindes, das unbeschwert und ohne Sorgen glücklich sein kann, während der Film uns zeigt, dass um sie herum dieser Sorgerechtsstreit tobt, von dem sie allerdings abgeschirmt wird.

Es ist hart mit anzusehen, wie Onkel und Oma im Gerichtssaal um das kleine Mädchen kämpfen, vor allem nachdem sie sich gegenseitig versichern, dass sie es hassen, gegeneinander anzutreten. Die Anwälte nehmen trotzdem beide vor Gericht auseinander. Der Onkel, der sich nicht richtig um das Kind kümmert. Die Oma, die das Mädchen nicht normal aufwachsen lassen will. Beide Menschen bieten unfassbar viel Angriffsfläche, weil es vor Gericht nicht darum geht ein Mensch zu sein, sondern es wird der perfekte Vormund gesucht, den aber keiner von beiden bieten kann, Mary aber bekommen soll.

Marc Webb drückt in Begabt ordentlich auf die Tränendrüse. Frank bringt seine Mary ins Krankenhaus, um ihr dort zu zeigen, wie Menschen sich über die Geburt eines Kindes freuen können und dass es bei ihr genauso war. Oder er vermittelt Mary im Gespräch, dass er ihr zwar seine Gedanken über Religion und Gott mitteilen könnte, sie sich aber lieber selbst eine Meinung bilden solle, ihren Kopf benutzen um der Welt mit ihren eigenen Gedanken einen Sinn zu geben. Es sind solche Momente, die aus Chris Evans und Mckenna Grace ein sentimental-rührendes Gespann machen.

Begabt
Oma Evelyn Adler (Lindsay Duncan) will das Talent von Mary fördern.

Aber Webb lässt auch die Musik sprechen. Mit Erfahrung im Videoclip-Business und tonnenweise Regie-Material für No Doubt, Green Day, Evanescence oder Hilary Duff, Miley Cyrus und Avril Lavigne, beweist er ein großartiges Händchen im Einspielen von Soundtrack-Musikstücken, die immer die Stimmung unterstreichen. Hinzu nimmt er seinen Komponisten Rob Simonsen und schon können wir allein durch die akustische Komponente die Handlung von Begabt nachvollziehen.

In die holt uns der Film überaus schnell rein. Gleich zu Beginn sitzen wir mit Lehrerin Jenny Slate im Klassenraum, wo Mary mit Leichtigkeit komplexe Rechenaufgaben löst. Unsere emotionale Gebundenheit entsteht hier durch die Kombination aus dem Charme dieses unschuldigen-nichts ahnenden Mädchens und den Blicken der Lehrerin, die Jenny Slate hier äußerst natürlich, liebenswürdig und sich kümmernd verkörpert, ohne dass sie jemals ihren prägnanten Humor ins Spiel bringen müsste.

Damit beweist sich Jenny Slate einmal mehr als enorm unterhaltsame On-Screen Persönlichkeit (Ausschau halten nach Gillian Robespierres Landline, die zweite Zusammenarbeit von Regisseurin und Darstellerin nach Obvious Child), die ihre Stimme keineswegs nur hinter animierten Figuren verstecken müsste – sie war Harley Quinn im LEGO Batman Movie, spricht mehrere Rollen in Bob’s Burgers, ist in der US-Version von Ich – Einfach Unverbesserlich 3 zu hören und hatte ebenfalls eine Rolle in Disneys äußerst starken Zoomania.

Begabt lebt von seinem Ensemble aus Darstellern und Darstellerinnen, die diese Geschichte möglichst liebenswürdig spielen möchten. Das gelingt unter der Regie von Marc Webb äußerst zufriedenstellend, wenn auch mit typischer Hollywood-Formel nach Schema F abgespult. Es spricht nur für die Cast, dass hier aus Schema F ein schönes, kleines Filmchen geworden ist.