© NFP/Filmwelt / Barbara Sukowa verkörpert Hannah Arendt in Margarete von Trottas Film "Hannah Arendt".
© NFP/Filmwelt / Barbara Sukowa verkörpert Hannah Arendt in Margarete von Trottas Film „Hannah Arendt“.

Es gibt Schauspielerinnen, die lassen die Rollen die sie verkörpern groß wirken. Es gibt dort draußen die Meryl Streeps, die aus Margaret Thatcher („The Iron Lady“) eine filmisch interessante Figur machen, sie so verinnerlicht auf die Leinwand bannen, dass man nach dem Film nicht gesättigt ist, sondern sich im Fieber befindet, weiter recherchiert, mehr über diese Person erfahren möchte, als es ein Film in der Lage ist zu vermitteln. Das funktioniert allerdings auch anders herum. Wenn eine historisch wichtige Person nach dem Ansehen eines Films auf einmal die Frage aufwirft, warum dieser Mensch überhaupt relevant war. Das muss man dann als ein gescheitertes Projekt ansehen: So geschehen mit Barbara Sukowa in der Rolle der Hannah Arendt im gleichnamigen Film von Regisseurin Margarete von Trotta („Visionen – Das Leben der Hildegard von Bingen“).

Sie portraitiert Hannah Arendt, die Philosophin, die 1961 in einem Gerichtssaal in Jerusalem ein Monster erwartet. Sie wohnt dem Prozess gegen den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann bei, möchte für die Zeitung „The New Yorker“ über ihn und das Verfahren berichten. Aber das Monster will sich nicht zeigen. Was Hannah Arendt zu Gesicht bekommt ist ein Niemand, ein Bürokrat der geistlose Mittelmäßigkeit beweist. Ab 1963 erscheinen unter dem Titel „Eichmann in Jerusalem“ ihre Artikel, es soll eine Serie werden, die auf sehr viel Gegenrede stößt. Arendt hat ihre „Banalität des Bösen“-These aufgestellt und damit die Welt schockiert. Eichmann als Gefolgsmann des Gesetzes, nicht etwa als Antisemit, es gleicht einer moralischen Freisprechung seitens Arendt. Als Reaktion hierauf sieht sie sich mit Anfeindungen und verachtenden Worten konfrontiert. Gerade das Unverständnis einiger ihrer Freunde trifft sie hart. Aber sie bleibt konsequent bei ihren Aussagen. Sie kämpft und scheut keine Auseinandersetzung.

Heinrich Blücher (Axel Milberg), Hannah Arendts Ehemann
Heinrich Blücher (Axel Milberg), Hannah Arendts Ehemann

Überall in „Hannah Arendt“ findet sich das Symbol der Größe wieder, eine Frau die Großes geleistet hat, die durch ihre Diskussion die Denke der Menschen verändern wollte, die ein Individuum für die Taten einer schrecklichen Diktatur verantwortlich machen wollten. Die Historizität wurde auf Adolf Eichmann übertragen, dass erkannte Arendt. Schon wie ihr Name eingangs über der Skyline von New York schwebt, symbolisiert dieser die weltumfassende Wichtigkeit, später wird auch die Skyline von Jerusalem gezeigt, New York ist es immer wieder. Dann diese „bahnbrechende“ Veröffentlichung über das dritte Reich, die dazu führt dass der „New Yorker“ sie bereitwillig zu dem Prozess nach Jerusalem schickt, ihr keine Deadline gegeben wird und ihre Artikelreihe abgedruckt werden soll ohne diese zu hinterfragen. Sie ist eine Augenzeugin der Geschichte, man vertraut ihren Worten. An dieser großen Person zerbricht jedoch Hauptdarstellerin Barbara Sukowa, die bereits als Hildegard von Bingen für Regisseurin von Trotta vor der Kamera stand. Die Arroganz und Kälte, die sie Arendt verleiht, führt zur emotionalen Abgeschiedenheit, zu Gleichgültigkeit gegenüber ihren Taten. Man sieht ein stoisches Bühnenspiel, welches künstlich, wie auf einer Bühne präsentiert, wirkt, nicht wie die Darstellung einer lebensechten Figur. Die immer wieder eingeblendeten Skylines, sie fallen auf, machen aber aus dem Gezeigten noch kein Kino-Format, Barbara Sukowa erscheint wie in einem kleinen Fernsehspiel, mehr Größe ist hier nicht erkennbar.

Noch weniger mögen andere Kleinigkeiten überzeugen, die wiederum wirklich etwas Großes darbieten: ein großes Sammelsurium an Fehlentscheidungen. Die Kamera von Caroline Champetier verliert sich im heillosen heran- und wieder wegzoomen, wenn sie Arendt im Gerichtssaal filmt, wie sie angespannt, offenbar interessiert, dem Prozess folgt. Nahaufnahme auf Sukowa, die mit ihren Blicken starrt, nicht aber erkennt. Es wirkt ein wenig leer, wenn man sie da so scheinbar hilflos in ihrer Rolle sitzen sieht. Das Sukowas englische Aussprache sehr rudimentär klingt mag in der Erzählung verankert sein, nicht umsonst wird einmal bemerkt, dass Arendts Englischkenntnisse nur einer Fidel entsprechen würden, die deutsche Sprache wäre ihre Stradivari. Nichtsdestotrotz bereitet es Schmerzen in den Ohren, wenn man dieser kantigen Aussprache zuhören muss. Wäre man selbst in der Position, einer ihrer Studenten gewesen zu sein, man hätte vermutlich allein des Sprachklanges wegen den Hörsaal verlassen wollen. Und als ob das noch nicht genug wäre, erfährt der Zuschauer recht platt von ihren eigenen geschichtlichen Hintergründen: Aus dem südfranzösischen Internierungslager Camp de Gurs geflohen, mit einem Visum in die Vereinigten Staaten eingereist und diese als ein Paradies zur neuen Heimat erklärt, erzählt sie diese Begebenheiten nüchtern vor ihrer Studienklasse. Ob das Erlebte eine emotionale Nachwirkung auf die Figur hat, man sieht es nicht, man spürt es nicht, als wäre ihr nie etwas geschehen.

Hans Jonas (Ulrich Noethen), Hannah Arendts Freund aus Jugendjahren
Hans Jonas (Ulrich Noethen), Hannah Arendts Freund aus Jugendjahren

Aber es gibt einen Umschwung im Film, einen Moment ab dem alles besser wird – nur leider viel zu spät. Sobald Arendt dann nämlich ihre Artikelserie veröffentlicht hat, beginnt es spannend zu werden. Endlich muss sie sich verteidigen, gerät mit dem Rücken an die Wand. Es ist kein Sturm der durch die Gesellschaft zieht, sondern ein Orkan, so heißt es. Hier nimmt „Hannah Arendt“ eine filmische Gestalt an, das vorherige Geplänkel ist vorüber, hier hätte der Film überhaupt erst einsetzen brauchen. Die Emotionen sind dennoch nur an Nebenschauplätzen zu finden. Nie ist es Sukowa, die etwas hervor bringt, immer sind es ihre Mitdarsteller, die sich nun über Arendts publizierte Meinung auslassen oder sie unterstützen. Das endet in einfühlsamen Bekräftigungen oder lautstarkem Geschrei, immer zieht Sukowa den schauspielerisch Kürzeren.

Hannah Arendt hätte sicherlich ein emotionaleres Werk verdient, hat sie doch so sehr polarisiert. All die aufwühlenden Gedanken und Worte, sowohl von ihr verfasst als auch gegen sie vorgebracht, kommen in „Hannah Arendt“ niemals zu ihrer vollen Entfaltung. Ein kleines Spiel über ein Ereignis, das man dem deutschen Publikum oftmals mit Leichtigkeit verkaufen kann. Die Auseinandersetzung mit einem nationalsozialistischen Hintergrund kann aber kein Freifahrtsscheint für jegliche Inszenierung sein, im deutschen Kino seinen Platz zu finden. Für den Rundfunkbeitrag des öffentlich rechtlichen hätte dem Film dann aber doch ein verdienter Platz im Abendprogramm zugestanden.

Denis Sasse

Hannah Arendt_Hauptplakat

“Hannah Arendt“

Originaltitel: Hannah Arendt
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Produktionsland, Jahr: D, 2012
Länge: ca. 113 Minuten
Regie: Margarete von Trotta
Darsteller: Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen, Klaus Pohl

Deutschlandstart: 10. Januar 2013
Offizielle Homepage: hannaharendt-derfilm.de