In Atomic Blonde scheint sich alles um Charlize Theron zu drehen. Diese super coole Hollywood Heroine, die sich als Furiosa in Mad Max: Fury Road als heimliche Hauptdarstellerin eines Fremd-Franchises aufspielen konnte. Theron ist auch in Atomic Blonde ein Hingucker. Entweder sie ist ultra hübsch – wenn auch eiskalt – sie ist fleißig am Knochen brechen oder aber ihrem Körper werden so leidige Verletzungen zugefügt, dass sie bald so entstellt ausschaut, dass man trotz aller Eiseskälte nur noch Mitleid mit ihr empfinden kann.

Aber vergessen wir nicht James McAvoy, diesen kleinen schottischen Schauspieler, der mal liebenswürdig fürsorglich als Charles Xavier im X-Men-Franchise von 20th Century Fox auftritt, nur um dann als persönlichkeitsgestörter Killer in M. Night Shyamalans Split oder als vulgär-ausfallender Widerling Bruce in Drecksau von sich Reden zu machen. Wer genau sein David Percival hier in Atomic Blonde ist – ob mehr Professor X oder mehr Drecksau-Psychopath – ist nie so ganz klar. Immerhin ist es ein Spy-Actionthriller, bei dem auch gar nicht klar sein darf, wer für welche Seite spielt.

Wir finden uns im Berlin des Jahres 1989 wieder, kurz und knapp vor dem Fall der Mauer. Nachdem ein MI6-Agent getötet und eine Liste von Agenten gestohlen wird, die derzeit in der Sowjetunion aktiv sind, muss Lorraine Broughton (Theron) nach Berlin aufbrechen um die Namen wiederzubeschaffen. Dort angekommen wird sie sofort vom KGB attackiert, kann aber dank ihres Kontaktmanns David Percival (McAvoy) entkommen.

Die weiteren Ermittlungen erweisen sich als äußerst kompliziert, denn Lorraine hat auf einmal die Aufmerksamkeit der westdeutschen Polizei und trifft auf die französische Agentin Delphine Lasalle (Sofia Boutella) – und der KGB möchte natürlich auch nicht so einfach locker lassen. 

Atomic Blonde
Lorraine Broughton (Charlize Theron) lernt Delphine Lasalle (Sofia Boutella) kennen.

Man mag sich über den arg sexualisierten Auftritt Boutellas aufregen, der scheinbar lediglich dazu dient, eine heiße Girl-on-Girl Szene in Atomic Blonde einzubetten. Viel schlimmer jedoch, darf sie nicht ihre einmaligen Tanz- bzw. Kampfkünste zeigen, die denen von Charlize Theron in nichts nachstehen, sie gar übertreffen dürften, wie sie bereits vielfach in Filmen wie Kingsman, Star Trek: Beyond oder zuletzt Die Mumie zeigen konnte.

Atomic Blonde kommt von Regisseur David Leitch, der damit zum ersten Mal hinter der Kamera das Sagen hatte. Bisher – und das ist gar nicht so schlecht um sich allerhand Wissen für ein solches Regie-Debüt anzusammeln – war er als Stuntman und Stunt-Coordinator tätig, unter anderem für Brad Pitt und Jean-Claude van Damme. Einige kleinere Szenen in John Wick gehen ebenso auf sein Konto. Niemand soll also sagen, er hätte sich nicht auf sein Erstlingswerk vorbereitet.

Er hat nach der Graphic Novel Vorlage The Coldest City von Antony Johnston und Sam Hart gearbeitet, wobei er aus der seichten schwarzweiß Sin City-ähnlichen Comic-Vorlage ein Neon-buntes und durchgestyltes Berlin gezaubert hat, das in Atomic Blonde seinen ganz eigenen Charme über den Film wirft.

Erfrischend und intelligent konzipiert kommt auch das nicht gerade Storytelling daher, dass uns einen Aufbau ähnlich den Pirates of the Caribbean-Filmen gibt, wo klar ist, dass Piraten wie Spione immer nur das eigene Ziel im Sinne haben und sich dafür – mal länger, mal kürzer – jeder Seite anschließen dürfen, nur um sie irgendwann auch wieder zu hintergehen.

Die Undurchsichtigkeit macht solche Figuren spannend. Neben Charlize Theron (ist sie wirklich für den MI6 tätig?), James McAvoy (ist er wirklich für den MI6 tätig?) und Sofia Boutella (ist sie wirklich eine französische Geheimagentin?) spielen auch John Goodman, Eddie Marsan, Til Schweiger, Toby Jones und Bill Skarsgård dieses wunderbar unterhaltsame Spiel.

Atomic Blonde
In den Actionszenen zeigt Charlize Theron einmal mehr, dass sie kräftig austeilen kann.

Dabei ist Atomic Blonde nie ein pures Actionfeuerwerk, wie vielleicht ein John Wick, sondern taucht ebenso tief in die geheimen Ermittlungen eines Spions oder einer Spionin ein. Aber wenn die Action abgefeuert wird, dann sitzen die Schläge so hart wie eine eigens erlebte Kopfnuss. Wir bekommen jeden Aufprall zu spüren, wenn Faust auf Körper trifft – vor allem bei einem schlicht den Atem raubenden Fight quer durch ein Treppenhaus, bei dem die “Schöne” Charlize Theron nach und nach Platzwunden, Prellungen, blaue Flecken und Knochenbrüche, Blutergüsse und Schusswunden über sich ergehen lassen muss, zehrt eine ganze Weile an unseren Nerven. 

Ohne Charlize Theron mag Atomic Blonde immer noch klever daherkommen, mit ihr allerdings bekommt der Film eine Darstellerin an die Hand, die in der Lage ist all die atmosphärisch eingefangenen Bilder Berlins, all die süffisant-geführten Unterhaltungen und die grandios choreografierten Actionsequenzen zu übertreffen und sich nicht von der Inszenierung übertreffen zu lassen.