Mit seinem Film Alles über Eva mag Regisseur Joseph L. Mankiewicz (Cleopatra, 1963) ganz arg an einen weiteren Film des Jahres 1950 erinnern. In Boulevard der Dämmerung gibt Gloria Swanson das absteigende Starlet der Stummfilm-Ära, nominiert für einen Oscar in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin. Ebenso Bette Davis (Was geschah wirklich mit Baby Jane?, 1962), die hier nun die große Dame am Broadway gibt, die sich von einer jungen Frau langsam von der Bühne drängen lässt.

Sowohl Gloria Swanson als auch Bette Davis konnten ihre Oscar-Nominierung nicht in einen Sieg umwandeln, denn ihnen kam Judy Holiday dazwischen, die die Trophäe für ihre Rolle in Die ist nicht von gestern verliehen bekam. Dafür ist Alles über Eva bis heute einer von drei Filmen (neben Titanic und La La Land), die mit einer Rekordzahl von 14 Nominierungen die Oscar-Historie anführen, während Mankiewicz‘ Film sich noch hervorheben kann, da er die einzige Produktion ist, die vier Nominierungen für unterschiedliche Schauspielerinnen herausholen konnte: Bette Davis und Anne Baxter als beste Hauptdarstellerinnen und Celeste Holm und Thelma Ritter als beste Nebendarstellerinnen. Und ganz nebenbei absolviert Marilyn Monroe eine ihrer frühen Filmrollen.

In Alles über Eva übernimmt Bette Davis die Rolle von Margo Channing, eine der größten Broadway-Damen, die dort über die Bühnen wandeln. Aber sie ist gerade 40 Jahre alt geworden und macht sich Sorgen um den Verlauf ihrer Karriere. Dann wird ihr die junge Eve Harrington (Anne Baxter) vorgestellt, die sich als großer Fan entpuppt. Sie erzählt von ihrem harten Weg, ihren armen Kindheitstagen und dem Verlust ihres geliebten Ehemanns im Zweiten Weltkrieg. Margo zeigt sich gerührt und engagiert Eve als ihre Assistentin. Das ebnet ihr den Weg, Margo langsam aber sicher zu verdrängen und sich selbst in den Mittelpunkt des Broadways zu bringen.

Alles über Eva
Anne Baxter als junge Eve, die davon träumt in die Fußstapfen der Broadway-Diva Margo Channing zu treten.

Der Film basiert auf der 1946er Kurzgeschichte The Wisdom of Eve von Mary Orr, auch wenn die Autorin hierfür keine Erwähnung im Film selbst erhalten hat. Eine weitere Ähnlichkeit zu Boulevard der Dämmerung hat der von Mankiewicz inszenierte und auch geschriebene Film dadurch, dass er mit einer Off-Erzählung eines Autors beginnt, in diesem Fall dem Theaterkritiker Addison DeWitt (George Sanders), der uns sogleich in eine amüsierte, zynisch-satirische und manipulative Welt einführt.

Hier bekommen wir erzählt, wie sehr auch am Broadway (neben Hollywood) alles aus Glanz und Glamour besteht, den wir aber getrost ignorieren können. Wir bekommen durch den Kritiker DeWitt allerhand einführende Worte mit auf den Weg, während irgendein alteingesessener Broadway-Mensch unwichtige Worte von sich gibt. Wie wir zu hören bekommen, soll es sich um Eigenlob und sonstige Belanglosigkeiten handeln.

Alles über Eva beweist bereits hier zu Beginn, mit wie viel Ironie uns die Geschichte konfrontieren wird. Dabei gibt sich allerdings keiner der Darsteller oder der Darstellerinnen so überzogen dramatisch wie noch in Boulevard der Dämmerung, der mit ausschweifender Mimik und Gestik arbeitete und hierdurch eine gewisse Überspitztheit an der Oberfläche verliehen bekam. Hier allerdings bieten uns alle Beteiligten eine so überzeugende Darstellung, das wir eine wahrhaftige Broadway-Realität vorgegaukelt bekommen könnten.

Alles über Eva
Bette Davis als Diva Margo Channing.

Hier kommt Bette Davis ins Spiel. Diese wundervolle Diva, die auch sich selbst spielen könnte. “The Show must go on – No honey, Margo must go on” heißt es im Film. Es geht nicht um den Broadway, es geht um die Darstellerin, die größer ist als die Bühne: Larger than Life.

Davis gelingt es, diese Frau am nervlichen Abgrund ihrer Existenz zu zeigen. Sie spricht niemals, ohne dass Zigarettenqualm aus ihrem Mund kommen würde, als sei sie ein wahrer Drachen. Sie trinkt, sie trägt teure Pelze und hasst die Männerwelt, weil sich dort allerhand ewig jung aussehende Exemplare dieser Gattung herumtreiben. Sie will ein ewig lebender Stern am Broadway sein und ist umso verzweifelter, als ihr dieses Standing schon zu Lebzeiten streitig gemacht wird.

Dabei wird Margo dank der darstellerischen Leistung niemals zur Schurkin der Geschichte. Bei all ihren Neidern, ihren Abgründen und verzweifelten Wutausbrüchen, bleibt sie uns doch ganz nahe. Wir empfinden eher ihr Leid – ganz gleich wie drastisch sie gerade auftritt – als dass wir sie abstoßen würden.

Während es schon ein wunderbares Erlebnis ist, Bette Davis zuzusehen, wird dieses noch durch das Beisein von Anne Baxter verstärkt. Wenn diese beiden Damen erst einmal in den Krieg ziehen, dann wird es richtig kalt – es bleibt aber amüsant. Wie in einem Tennis-Spiel ziehen uns die Damen immer wieder auf ihre Seite, die Sympathien wechseln mit dem Schlagabtausch, den sich Margo und Eve liefern.

Alles über Eva ist ein unterhaltsames Portrait des Broadway-Irrsinns mit einer jungen, aufstrebenden Darstellerin, die gegen einen divenhaften Altstar des Business gestellt wird. Regisseur Joseph L. Mankiewicz darf sich bei seiner Besetzung bedanken, dass ihm ein von vorne bis hinten großartiger Film gelungen ist.