Filmkritik

“360” von Fernando Meirelles

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Den brasilianischen Regisseur Fernando Meirelles („Die Stadt der Blinden“, „Der ewige Gärtner“) zieht es in seinem neuen Film „360“ in die Welt hinaus. Er erzählt Geschichten in Österreich, in England, den USA und Frankreich und verwebt dabei die Schicksale vieler Menschen miteinander, die sich durch ihre zweifelhaften Auffassungen der Liebe untereinander sehr ähnlich sind. Sie alle müssen über Affären nachdenken, die ihre jeweiligen Leben in eine andere Richtung lenken, als sie es sich ursprünglich vorgestellt hatten. Niemand auf der Welt ist sicher, weder die Prostituierte, die mit Affären ihr Geld verdient, noch der Geschäftsmann, der die Dienste jener Frau ausschlägt, nur um Zuhause von seiner Ehefrau betrogen zu werden.

Die Ehefrau ist Rachel Weisz, ihr geschäftiger Ehemann Jude Law. Sie spielt Rose, sie hat eine Affäre, will diese nun aber endgültig beenden. Gerade zur rechten Zeit, denn Laura (Maria Flor) beschattet die Fremdgeherin und konfrontiert ihren Freund mit seinen Taten, verlässt ihn und fliegt zurück in ihre Heimat, zurück nach Rio de Janeiro. Auf dem Flug lernt sie nicht nur John (Anthony Hopkins) kennen, einen Senior, dessen Tochter vor vielen Jahren entdeckte, dass er seine Ehefrau betrügt und daraufhin das heimische Nest verließ, sondern auch Tyler (Ben Foster), einen Sexualstraftäter, der ein paar Tage das freie Leben austesten möchte, um zu sehen ob er sich selbst der Gesellschaft wieder aussetzen kann. Währenddessen verlieben sich in Paris ein algerischer Arzt (Jamel Debbouze) und seine Gehilfin, doch sie ist mit einem russischen Verbrecher verheiratet, den sie zwar verlässt, wodurch sich ihr Schicksal jedoch nicht zum Besseren wendet. Ihr Ehemann Sergei (Vladimir Vdovichenkov), der Verbrecher, lernt derweil ein junges Mädchen (Gabriela Marcinkova) kennen, die ihn dazu bewegt ein Attentat auf seinen Boss (Mark Ivanir) geschehen zu lassen und mit ihr durchzubrennen. Das Mädchen ist die Schwester der Prostituierten (Lucia Siposová), die von Michael (Jude Law) verschmäht wurde und sich zum Zeitpunkt seines Todes bei dem Boss von Sergei befand. Nun schnappt sie sich das viele Geld, dass dieser in einem Koffer bei sich hatte und startet ihr ersehnt schönes Leben, auf das sie so lange warten musste.

Moritz Bleibtreu (vorne) und Jude Law (hinten)

Man könnte annehmen, dass hier viel los ist in „360“. Aber außer möglichst viele Figuren ins Affärenspiel zu bringen, weiß der Film wenig zu erzählen, was hauptsächlich daran liegen dürfte, dass hier Teilideen präsentiert werden, die zusammengewürfelt noch keinen Film ergeben, nur weil sie mit denselben Motiven funktionieren sollen. Dadurch verkommt „360“ leider zu einer langweiligen Erzählung, bei der man gerne mit einem anderen Film fremdgehen würde.

Einzig die Episode um Anthony Hopkins, Ben Foster und Maria Flor weiß zu überzeugen, aber eben nur solange, bis die Geschichte dann wieder woanders hin wechselt und man bekümmert der Schauspielkunst zweier Männer wie Hopkins und Foster hinterher trauert. Vielleicht, weil man ein so inniges Verhältnis zu den Figuren aufbaut, die man eine halbe Stunde verfolgt, bevor es mit der nächsten Geschichte weitergeht. Für einen episodenhaft aufgebauten Film durchaus problematisch, beginnt man sich doch recht schnell zu fragen, wann man eigentlich die anderen Figuren wiedersehen wird. Niemand mag anzweifeln dass Jude Law und Rachel Weisz nicht auch alleine einen Film hätten tragen können, gleiches gilt für Hopkins und Foster und in französischen Landen sicherlich auch für Jamel Debbouze, der bereits in Produktionen wie „Angel-A“ von Luc Besson oder „Asterix bei den Olympischen Spielen“ sowie „Huhn mit Pflaumen“ von Marjane Satrapi mitwirken durfte. Doch hier wird ihnen alle die notwendige Tiefe entrissen, so lang ihre Episoden auch sein mögen, so lang sind dann auch die anderen, die den nicht beteiligten Darstellern eine enorme Filmabstinenz bescheren.

Ben Foster

Hier wird viel hin und her gereist, um eine möglichst große Erzählung zu erzeugen. Da darf sogar Moritz Bleibtreu als finster unmoralischer Geschäftspartner Laws auftreten. Regisseur Meirelles inszeniert die Szenewechsel immer mit einem Flugzeug, welches mal durch den Himmel streift, mal auf einem gemalten Bild zu sehen ist. Hopkins und Flor lernen sich gar in einem Flugzeug kennen, ihre Geschichte spielt auf einem Flughafen. Affären sind ein weltumfassendes Phänomen, mit dem hier gar nicht so unmoralisch gespielt wird. Vielmehr geht es um die Gelegenheiten die man nutzen soll, um aus seinem Leben etwas Besseres zu machen. Warum diese Gelegenheiten allesamt aus Affären bestehen, wirkt dann am Ende etwas merkwürdig.

Man weiß nicht recht, was man mit „360“ anfangen soll. Erzählt der Film nun wirklich von den Möglichkeiten, die auf der Straße liegen, die man nur beim Schopf packen muss um voran zu kommen? Sind die Affären Synonyme für Fehler des eigenen Lebens, die man nur akzeptieren muss um mit sich ins Reine zu kommen? Sollten dass die Aussagen des Films sein, hat der Regisseur eine ungewöhnliche Art gewählt uns davon in Kenntnis zu setzen, die vor allem eher einschläfernd wirkt als wie eine aufregende Affäre, der man sich nicht entziehen kann.

Denis Sasse

“360“

Originaltitel: 360
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: GB / A / BR / F, 2011
Länge: ca. 110 Minuten
Regie: Fernando Meirelles
Darsteller: Lucia Siposová, Gabriela Marcinkova, Johannes Krisch, Jude Law, Moritz Bleibtreu, Jamel Debbouze, Vladimir Vdovichenkov, Dinara Drukarova, Rachel Weisz, Maria Flor, Ben Foster, Marianne Jean-Baptiste, Anthony Hopkins, Mark Ivanir

Deutschlandstart: 16. August 2012
Offizielle Homepage: 360-derfilm.de

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