Filmkritik

“47 Ronin” von Carl Rinsch

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Dieses Gesicht wird sich zwei Stunden lang nicht bewegen: Keanu Reeves in 47 Ronin

Dieses Gesicht wird sich zwei Stunden lang nicht bewegen: Keanu Reeves in 47 Ronin

Sollte die Auswahl der Rollennamen Keanu Reeves für sein schauspielerisches Vermögen stehen, dürfte klar sein das Ted (Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit), Neo (Matrix) und nun Kai nicht unbedingt förderliche Drei-Buchstabler sind. Ebenso kurz und angebunden wie sich Herr Reeves Rollennamen geben, so agiert er auch in dem japanisch-historischen Fantasyfilm 47 Ronin, inszeniert von Spielfilmdebütant Carl Rinsch. Das hindert den Film jedoch nicht daran, einige schöne Szenen parat zu halten. Immer wenn man nicht gerade auf die starren Gesichtszüge des Hauptakteurs achtet, entfaltet sich ein schön bebildertes Fantasymärchen für die Erwachsenenwelt.

Wie in vielerlei Fällen dieser Tage ist der Film inspiriert durch wahre Begebenheiten. Hier sollte schnell klar werden, dass die fantastischen Elemente – merkwürdige Büffelwesen, seelenlose Krieger und Hexen – den fiktionalen Anteil ausmachen. Die übrige Geschichte orientiert sich an 47 Ronin-Kriegern, herrenlose Samurai, die im Japan des 18. Jahrhunderts den Mord an ihrem Meister rächen wollen. Konkret liegt der Ursprung der Geschichte am Anfang des 18. Jahrhunderts, wo Lord Asano Naganori (hier gespielt von Min Tanaka) einem Befehl folgend Seppuku begeht, sich ehrenvoll selbst das Leben nimmt, nachdem er einem Konflikt mit Lord Kira (Tadanobu Asano) unterlegen ist. Lord Asanos Samurai, nach dessen Tod herrenlos aus dem Land verbannt, sinnen nach Rache. Ihr späteres – damit nimmt man dem Film nichts vorweg, zumindest nicht denen, die diesbezüglich geschichtskundig sind – erfolgreiches Attentat auf Lord Kira resultiert in ihrer Verurteilung durch den Shōgun. Die 47 Ronin müssen selbst Seppuku begehen, werden in diesem Zuge allerdings zu Volkshelden, deren Geschichte noch heute als Parabel auf Loyalität und Gehorsam gesehen wird, zwei wichtige Tugenden der japanischen Gesellschaft.

Rinko Kikuchi in menschlicher Hexengestalt

Rinko Kikuchi in menschlicher Hexengestalt

Wie passt hier nun ein amerikanischer Schauspieler wie Keanu Reeves hinein? Seine Rolle wurde hinzu gedichtet. Er spielt Kai, einen halb britischen, halb japanischen Sklaven, der sich am Hofe Lord Asanos beweisen will und später zum hilfreichen Verbündeten im Kampf gegen Lord Kira wird. Hilfreich ist er für den Film jedoch nicht. In bester sturer Blick Pose spielt er sich angestrengt durch den Film, verblasst neben allem was sonst noch so zu sehen ist. Selbst Jungdarsteller Daniel Barber, der für maximal fünf Minuten als Teenagerversion Kais zu sehen ist, entlockt der Figur mehr Emotionalität, nutzt seine Gesichtszüge um so etwas wie ein Wesen zu zeigen, seiner Figur einen Charakter zu verinnerlichen. Dann folgt der Zeitsprung zu Keanu Reeves und auf einmal hat dieser Kai keinerlei Wesenszüge mehr. Er ist verliebt, er ist verbittert, er kämpft um sein Leben – die Mimik hält den Emotionen stand.

Der übrige Film bietet derweil überraschend viel Gutes. Die Kreaturen, Monster, Wesen des Übernatürlichen machen einen starken Teil von 47 Ronin aus. Auch wenn die Tengu Ähnlichkeiten mit Harry Potters filmischer Inkarnation Lord Voldemorts vorzuweisen haben – die Schlangenzüge Voldemorts wurden zu eulenähnlichen Gesichtsmerkmalen umfunktioniert – macht es doch Spaß die Samurai zu Beginn auf die Jagd zu begleiten, wenn sie ein gigantisch büffelartiges Wesen zur Strecke bringen. Ein wenig erinnern solche Kreaturen an die Zeichnungen des japanischen Animationsstudios Ghibli. Ein Hingucker ist auch die Hexe an der Seite Lord Kiras, die mal in glänzend weißer Fuchsgestalt, dann wieder als monströser Drache in Erscheinung tritt, immer zu erkennen an unterschiedlich farbigen Augen. Sie streift mit langen Gewand durch die Bilder und gibt eine herrlich sinistere Gegenspielerin, von der man viel zu wenig zu sehen bekommt.

Gespielt wird diese Dame von Rinko Kikuchi, Jahrgang 1981, zuletzt in Guillermo Del Toros Pacific Rim zu sehen und Hauptdarstellerin in der Haruki Murakami Verfilmung Naokos Lächeln. Bekannt wurde sie aber vermutlich als Gehörlose in dem Film Babel von Regisseur Alejandro González Iñárritu. Sie ist ein wahrer Schatz für diesen Film. Sie ist die starke Frau hinter dem intriganten Mann. Sie erledigt die Drecksarbeit, jedoch höchst galant. Einmal erschafft sie aus der Vene Lord Kiras eine hässliche kleine Spinne, die sie des Nachts, sich selbst spinnenartig vom Dach eines Hauses abseilend, auf Lord Asano absetzt. Die Spinne verteilt ihr magisches Gift auf dessen Lippen und schon hat die Hexe von dem armen alten Mann Besitz ergriffen und steuert ihn in sein Verderben.

Min Tanaka als gutmütiger Lord Asano

Min Tanaka als gutmütiger Lord Asano

Solch hinterhältige Taktiken haben Vorrang in 47 Ronin. Die Actionszenen – sie sind da, keine Panik – werden von heimlichen Attacken überflügelt. Ein besonders sehenswertes Highlight ist sicherlich das abschließend geplante Attentat auf Lord Kira, der zu diesem Zeitpunkt die Ehe mit der Tochter Lord Asanos vollziehen möchte. Doch die 47 Ronin schleichen sich geschickt in sein Dörflein ein, übermannen seine Wachen aus dem Hinterhalt, zeigen wie man spannend und ohne großes Gemetzel eine feindliche Festung stürmen kann. Das haben wir in den letzten Jahren ja auch zu genüge zu sehen bekommen.

Am Ende sind es dann manches Mal aber eben doch nur schöne Bilder, die 47 Ronin hervorbringt. Vielleicht ein Resultat von Regisseur Rinschs Erfahrungen im Werbebusiness. Hier wird kurz und knapp schön bebildert, dabei das große Ganze aber vernachlässigt. Er versucht seine Geschichte zwar mit Respekt zu erzählen, sich vor dieser Kultur zu verbeugen, verliert aber in Kombination mit dem emotionslosen Spiel Reeves die Gefühlsebene aus den Augen. Der Selbstmord Lord Asanos, das traurige Schicksal seiner Tochter, die hinterlistigen Machenschaften Lord Kiras und seiner Hexe, die rachsüchtigen Ronin – es gibt so viel zu fühlen, so wenig bekommt man davon zu sehen. Damit bleibt 47 Ronin ein lediglich oberflächlich hübsches Filmchen. Aber manchmal reicht das ja auch aus.


47 Ronin_Poster“47 Ronin”

Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2013
Länge: ca. 118 Minuten
Regie: Carl Rinsch
Darsteller: Keanu Reeves, Hiroyuki Sanada, Ko Shibasaki, Tadanobu Asano, Min Tanaka, Cary-Hiroyuki Tagawa, Rinko Kikuchi

Kinostart: 30. Januar 2014
Im Netz: 47ronin-film.de


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