Zwei Wettbewerbs-Beiträge und eine Charakterstudie, die allesamt mit starken Frauen besetzt sind, sowie ein verrückt abgedrehter Film Noir Beitrag, bei dem eine Vielzahl der anwesenden Journalisten vorzeitig das Kino verlassen hat. Die Filme der vergangenen Tage waren dennoch auf ihre eigene Art und Weise allesamt sehenswert. Ob sie wiederum auch alle in die deutschen Kinos kommen werden, darf gerne bezweifelt werden. Hier ein kurzer Blick auf Christian Petzolds ‚Barbara‘ mit Nina Hoss in der Hauptrolle, auf Isabelle Huppert in dem Entführungsdrama ‚Captive‘, Melissa Leo in ‚Francine‘ und ‚Keyhole‘ mit Jason Patric, Isabella Rosellini und Udo Kier.
‚Barbara‘ (Regie: Christian Petzold)

Nina Hoss in 'Barbara'
Hier wird viel DDR-Gefühl inszeniert, ohne dabei mit dem Holzhammer zu hantieren. Es sind keine gestalterischen Aspekte, keine Indizien im Filmbild, die uns auf Ostdeutschland aufmerksam machen, sondern vielmehr die Atmosphäre der beklemmenden Gefangenschaft und die Kontrolle, die auf Hauptfigur und Ärztin Barbara, gespielt von Nina Hoss, ausgeübt wird. Diese spielt mit emotionaler Distanz, bleibt kühl und berechnend, passt sich damit der gesamten Umgebung an, die in eben diesen Gefühlslagen abgebildet wurde. Sie plant heimlich ihre Flucht aus der DDR, muss sich dann aber ihrer wachsenden Gefühle gegenüber ihrem Arbeitskollegen und ihrem Verantwortungsbewusstsein für ihre Patienten auseinander setzen.
‚Captive‘ (Regie: Brillante Mendoza)

Isabelle Huppert in 'Captive'
Was in Erinnerung bleiben wird, ist eine wirklich starke Performance von Isabelle Huppert, die hier gemeinsam mit einer Gruppe von Menschen von den Abu Sajaf gekidnapped wird. Der Film orientiert sich an den wahren Begebenheiten aus dem Jahr 2000, wo es zu einem ähnlichen Entführungsfall in den Philippinen kam. Kurz hört man in einem Radio die Ereignisse von 9/11. Hier sieht man die Entführer feiern. Der Film zeigt das schreckliche Vorgehen der Abu Sajaf, verbindet dies mit einem merkwürdig anmutenden Näherkommen von Entführern und Entführten. Es gibt erzwungene Hochzeiten, eine sich entwickelnde Liebe, sympathische Unterhaltungen – und irgendwann fühlen sich die Opfer von ihren jeweiligen Regierungen mehr im Stich gelassen, als von ihren Peinigern, die sich sorgsam um das Wohlergehen ihrer Gefangenen sorgt. Natürlich nur um das entsprechende Lösegeld zu bekommen.
‚Francine‘ (Regie: Brian M. Cassidy & Melanie Shatzky)

Melissa Leo in 'Francine'
Noch eine starke Schauspielerin: Melissa Leo als Frau, deren Tierliebe sich in einen Wahn verwandelt. Neben der Arbeit in einem Pferdestall oder beim Tierarzt, entwickelt sich ihr Eigenheim zu einem Mini-Zoo mit Hunden, Katzen und Mäusen, die zwar gekuschelt und geliebt werden, aber nicht die nötige Pflege bekommen. Die eigenen vier Wände verwahrlosen, der Müll häuft sich, die Sofas sind begraben, überall liegt Tiernahrung herum. Francine schläft auf dem Boden, ganz gleich ob ihr danach das Hundefutter am ganzen Körper klebt. Es ist ein dokumentarisch gefilmtes Werk, welches an Vormittagsserien über Müllsammler erinnert. Die langsame und leise Zuspitzung von Francines Problematik macht den Film interessant und sehenswert. Die kurze Spieldauer von knapp über 70 Minuten kommt dem Film sehr zu Gute, so erleben wir Leo vom ersten Tiergekuschel bis zu einer Straftat, die den Film beendet.
‚Keyhole‘ (Regie: Guy Maddin)

Jason Patric in 'Keyhole'
Selten war Film Noir verwirrender. Wer bei ‚Keyhole‘ am Ball bleiben will, muss seine Gedankengänge den wirren Bildern des Filmes anpassen. Dieser schwankt irgendwo zwischen einer Geschichte, die sich um die verlorenen Erinnerungen eines Mannes dreht, sowie einer Gespensterstory, bei der aber seltsamerweise jede Filmfigur die Geister als natürliche Erscheinungen wahrnimmt. Der Film lässt seine Figuren handeln, ohne dass diese jemals auf die Handlung eingehen. Die Dialoge wirken oberflächlich und unwichtig, wirken eher wie eine Hommage an eine vergangene Zeit, in der Drehbücher noch „cheesy“ sein durften. Die Ästhetik ist es, die den Film so interessant werden lässt. Die schwarz/weißen Bildern sind schnell geschnitten, die Kamera ist immer in Bewegung, nie herrscht stillstand. Es ist ein Spiel mit Licht und Schatten, sowie Nahaufnahmen der Akteure, die einen großen Teil der Atmosphäre ausmachen. Wer das durchhält, bekommt einen netten Experimentalfilm zu sehen, bei dem man hinterher noch lange nach Erklärungen suchen wird.

