Filmkritik

“Erdbeben” von Mark Robson

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Erdbeben_Cover

Einer der ganz großen Klassiker des siebziger Jahre Hollywoodkinos hat seine Wiederauferstehung auf Blu-Ray erfahren. Und das mit einer optischen Brillanz, die man sich für alle großen Filme wünscht. Das Bild ist (bis auf wenige Ausnahmen) gestochen scharf, der klassische Seventies-Look strahlt in vollem Glanz und der (oscarpremierte) Sound dröhnt voluminös. Der seinerzeit frischgebackene Sensurround ist zwar auf normalen Fernsehlautsprechern nur zu erahnen, doch werden Fans mit entsprechender Surround-Anlage anerkennend mit dem Kopf nicken. Damals löste das Sounderlebnis tatsächlich in manchen Kinos mit entsprechender Anlage Nasenbluten bei Kinogästen und Risse im Kinosaal aus.

Mitte der Siebziger hagelte es Katastrophen im Kino. Mit sprechenden Titeln wie Riesenrad, Achterbahn, Flammendes Inferno oder Airport ’75 lockten die Studios die Massen in die Lichtspielhäuser. Es musste schließlich dem Fernsehen etwas entgegengesetzt werden. Gewaltige Schauwerte wurden mit einem Ensemble aus den großen Hollywoodstars kombiniert. Die Dramaturgie blieb dabei meistens ähnlich; Stereotypen kämpfen um das Überleben ihrer Lieben, Kinder und gerne auch mal ein süßer Hund waren involviert und der Held muss retten was zu retten ist. Parallel dazu brennt und explodiert es an allen Ecken und Enden und die Moral gewinnt schlussendlich auch noch.

In den Neuzigern gab es dann erneut eine Welle mit Katastrophenfilmen. Diesmal höher budgetiert und interessanterweise weniger auf Ensembles zugeschnitten, sondern sich eher auf eine kleine Gruppe konzentrierend. Twister, Volcano und Deep Impact machten noch mehr kaputt, hatten aber wiederum mit ihren eigenen Klischees zu kämpfen.

Die Story von Erdbeben unterscheidet sich dann auch nicht wirklich von den vielen anderen Produktionen jener Zeit, wobei Erdbeben zu den Wegbereitern des Genres zu zählen ist und somit das ganze Schema ‘Idyll – ignorierte Vorzeichen – Katastrophe – Chaos’ erfunden hat. Im vorliegen Fall ist das Zugpferd Charlton Heston, der seine Ehefrau betrügt (wofür ihn zum Schluss noch die genannte Moral einholt) und als erfolgreicher Architekt big business betreibt. Heston gibt den Rahmen vor, fügt die Fäden und Personen zusammen. Parallel hierzu gibt es leichte Vorbeben, die den Staudamm oberhalb Los Angeles brüchig werden lassen. Natürlich werden erste Warnungen vor dem großen Hauptbeben ignoriert und wenn es dann nach einer guten Stunde dazu kommt, bleibt kaum mehr ein Stein auf dem anderen. Das folgende Beben wird dann auch seinem Namen (und dem seinerzeit astronomischen Budget von zehn Millionen) gerecht: Hochhäuser stürzten ein, die Erde tut sich auf und Menschen werden unter Trümmern begraben. Sämtliche damals bekannten Spezialeffekte kommen zum Einsatz, seien es detailverliebte Miniaturaufnahmen, Rückprojektionen oder phantastische Mattepaintings – der Oscar in dieser Kategorie war mehr als verdient. Und am Schluss bricht auch noch der Damm.

Neben Heston (Planet der Affen) geben sich Richard Roundtree, Ava Gardner und der großartige George Kennedy die Klinke in die Hand. Letzterer ist einer der bekanntesten Nebendarsteller Hollywood und zählt mit über 200 Filmen zu einer Ikone des Kinos. Schließlich war er in so bekannten Filmen wie Das dreckige Duzend, Airport 1975, Tod auf dem Nil oder Die nackte Kanone zu sehen.

Erdbeben ist ein nahezu perfekt produzierter Spielfilm mit großem Cast, tollen Schauwerten und einer stimmigen Musik von John Williams. Das Drehbuch wurde unter anderem von Mario Puzo geschrieben, der gerade mit dem zweiten Paten den Höhepunkt seines Erfolges ansteuerte. Es ist ein Film wie eine Naturgewalt, der nie langweilig wird und spektakulär zeigt, was mit den richtigen Leuten vor und hinter der Kamera zu erschaffen ist. Hier können sich einige der neueren Filme ein Beispiel nehmen.

Ein Text von Renatus Töpke

Denis Sasse
Ich schreibe seit 2009 über Filme und habe viele Jahre Hörfunk-Beiträge zu unterschiedlichsten Medieninhalten produziert. Beim Radio durfte ich meine eigene Kino-Sendung planen und moderieren. Irgendwie habe ich ein Studium der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaften dazwischen gequetscht. Jetzt lehre ich an einer Hochschule über Thematiken in den Bereichen Film, Fernsehen, Social Media und Medienpädagogik.

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