Filmkritik

“12 Years a Slave” von Steve McQueen

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Alle Bilder © Tobis. Hier: Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) und seine Familie leben ein freies Leben in New York.

Alle Bilder © Tobis. Hier: Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) und seine Familie leben ein freies Leben in New York. Doch schon bald wird Northup in die Sklaverei verkauft. 

Die Filmwelt hat eine neue Faszination am “schwarzen” Film gefunden. Quentin Tarantino hat sein Comic-Abenteuer Django Unchained auf Hollywood losgelassen, Lee Daniels hat seine pathetische Geschichte The Butler mit Forest Whitaker erzählt und der jüngst verstorbene Nelson Mandela bekommt Ende Januar das glorifizierende Denkmal Mandela: Der lange Weg zur Freiheit gesetzt. Regisseur Steve McQueen hält eindrucksvoll dagegen. Er spielt in 12 Years a Slave seine beste Karte aus: Der Blick auf die brutale Realität, die er schon in Hunger und Shame für Darsteller Michael Fassbender bereit hielt. Sein Hauptdarsteller heißt dieses Mal Chiwetel Ejiofor. Er ist in der Rolle von Solomon Northup zu sehen, einem in Freiheit geborenen Afroamerikaner aus Saratoga Springs in New York, der in Washington entführt und in die Sklaverei verkauft wurde. In zwölf Jahren wechselte er immer wieder den Besitzer, bis er endlich wieder in Freiheit gelangte und seine Memoiren schrieb, die McQueen hier als Vorlage dienten.

Northups Geschichte startet 1841. Als freier Mann lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern ein einfaches aber glückliches Leben. Er verdient sich als begabter Geigenspieler ein paar Dollar und wird von zwei Fremden für einen lukrativen Auftritt angeworben. Doch nach einem gemeinsamen Restaurantbesuch, bei dem die beiden Auftraggeber nur zu gütig mit dem Weinausschank umgehen, findet sich Northup am nächsten Morgen in Ketten gefesselt auf einem Sklavenschiff wieder, dass ihn geradewegs nach Louisiana bringen soll. Natürlich protestiert er zuerst, besteht auf seine Freiheitsrechte. Doch er muss sich jetzt als Eigentum des Weißen Mannes einem neuen Leben stellen. Er wird verkauft und muss harte Plantagenarbeit verrichten, immer auf der verzweifelten Suche nach einem Ausweg, der ihm die Rückkehr in sein altes Leben ermöglichen soll.

Solomon Northup mit seinem Besitzer William Ford (Benedict Cumberbatch)

Solomon Northup mit seinem Besitzer William Ford (Benedict Cumberbatch)

Doch das könnte ferner nicht sein. “You ain’t a free man, you’re just a Georgia runaway” wird Northup bei der ersten Gelegenheit eingebläut. Schnell ist er auch nicht mehr Solomon, sondern der Sklave Platt, der in Ketten liegend Prügel bezieht, bis sich blutig rote Striemen auf seinem Rücken einkerben. Solche Szenen reihen sich nahtlos aneinander. Sei es das Auspeitschen oder handgreifliche Demütigungen oder sei es die Nacktwäsche in den Hinterhöfen der Häuser. Die Sklaven müssen einiges erdulden und Steve McQueen scheut sich nicht davor, seinen Kameramann Sean Bobbitt gnadenlos draufhalten zu lassen. Wo der familienfreundliche Hollywoodfilm ausblenden würde oder Tarantino zu überzogener Gewalt greift, die eher grotesk komische Bilder abliefert, zehren McQueens inszenierte Greueltaten an den Nerven. Damit macht der Regisseur unmissverständlich die Härte dieses Schicksals deutlich. Nicht nur die Härte mit der Solomon Northup konfrontiert wird, sondern die Härte gegen alle Afroamerikaner, die unter der Sklaverrei zu leiden hatten.

Hier arbeitet McQueen anders als Lee Daniels mit seinem The Butler oder auch Justin Chadwick mit Mandela. Während diese beiden Herren ihre Filme als Highlight-Programm abspulen, bei der episodenhaft wichtige Momente im Leben des jeweiligen Hauptprotagonisten eher abgehandelt werden, als dass sich genügend Zeit zum ausführlichen Erzählen genommen wird, bleibt McQueen lange in seinen Geschichten drin. Erst landet Northup auf der Plantage des ihm eher freundlich gesinnten William Ford, gespielt von Benedict Cumberbatch, dann geht es für ihn weiter zu dem gnadenlosen Edwin Epps, von McQueens Liebling Michael Fassbender herrlich martialisch verkörpert. In dieser Zweiteilung des Films wird aber auch deutlich, dass Sklaverei gleich Sklaverei ist, unabhängig davon, wie “gut” die Umstände und wie “nett” der Mensch ist, unter dem gearbeitet wird. Auf Fords Plantage unterliegt Northup dem tyrannischen Tibeats (ein immer vorzüglich anzusehender Paul Dano), der die Intelligenz und den Eigenwillen des Sklaven nicht ertragen möchte. Das bringt ihn an den Strick, an einem Ast baumelnd, nur mit den Zehenspitzen den Boden berührend. Niemand beachtet diese heikle Situation. Ohne Erlaubnis möchte man sich Northup kaum nähern, der röchelnd um sein Leben bangt. Im Hintergrund spielen vergnügt die Kinder, so sieht hier der Alltag aus.

Bei Edwin Epps (Michael Fassbender) hat es Solomon Northup nicht so gut.

Bei Edwin Epps (Michael Fassbender) hat es Solomon Northup nicht so gut.

Später bei Epps geht es noch viel härter zu sich. Im Vordergrund wird ruhig gearbeitet. Die Sklaven verrichten ihre Dinge auf dem Feld, während im Hintergrund zu schmerzenden Schreien die Sklaven ausgepeitscht werden, deren Leistungen im Dienste des Meisters zu unbefriedigend waren. Am Ende begegnet Northup noch dem aus Kanada kommenden Handwerker Bass (der den Film produzierende Brad Pitt in einer kleinen Nebenrolle), der dem Sklaven nach fast zwölf Jahren in Gefangenschaft bestätigt: “your story is amazing, in no good way”.

Nach Hunger und Shame lässt sich 12 Years a Slave sicherlich mehr als klassisches Geschichtenerzählen durch Steve McQueen bezeichnen, aber der unsentimentale Blick auf die Dinge bleibt erhalten. Der Film eröffnet mit Northup in Gefangenschaft, blickt dann erst zurück auf das gute Leben das er zuvor führen durfte – was für den Zuschauer ein umso engeres Zusammenschnüren der Kehle bedeutet. Dieser Mann in Gefangenschaft, hat ein ganz normales Leben geführt, zumindest so normal wie es sich für die damalige Zeit in den U.S.A. leben ließ. Kein Film wird jemals den Schrecken realitätsgetreu abbilden können, den der Besitz eines Menschen durch einen anderen Menschen mit sich bringt. Aber Steve McQueen und das Spiel von Chiwetel Ejiofor, der sich immer deutlich im Vordergrund hält und weder Pitt noch Cumberbatch und Fassbender – obgleich letztgenannter in Zusammenarbeit mit McQueen immer zur Höchstform aufläuft – an sich heranlässt, lassen 12 Years a Slave zum beeindruckenden Filmerlebnis werden.


12 Years a Slave_Poster“12 Years a Slave”

Originaltitel: 12 Years a Slave
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2013
Länge: ca. 134 Minuten
Regie: Steve McQueen
Darsteller: Chiwetel Ejiofor, Quvenzhané Wallis, Scoot McNairy, Taran Killam, Paul Giamatti, Benedict Cumberbatch, Paul Dano, Michael Fassbender, Alfre Woodard, Brad Pitt

Kinostart: 16. Januar 2014
Im Netz: www.12yearsaslave.de


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